Mittwoch, 4. September 2019

Wieso gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Die schamanischen Konsequenzen einer tiefgründigen Frage.


Die Frage, wieso es Dinge gibt und nicht vielmehr nichts, beschäftigt die Menschheit schon seit mindestens der Antike. Der Fall, dass es nichts gibt, ist der einfachere und zudem muss die Frage nicht geklärt werden, wieso es aus nichts etwas geben konnte. Doch hat es Dinge – dies beobachten wir jeden Tag. In der Antike sind die Menschen eher davon ausgegangen, dass nichts gar nicht möglich sei (d.h. es hat nur Dinge) und heutzutage sagen moderne Quantenphysiker, dass das Nichts unstabil sei, und Partikel gewissermassen aus dem Nichts entstehen können. Ich möchte hier aber nicht die Geschichte der verschiedenen philosophischen und physikalischen Ansätze zu diesem Thema zusammenfassen, sondern ein eigener Ansatz aufführen und daraus praktische Konsequenzen für unser Leben ableiten.

Um über etwas und nichts nachzudenken, verwende ich als Vergleich eine einfache Zahlenreihe, welche von minus unendlich über null bis zu plus unendlich reicht. Dabei stellt null das Nichts dar und alle anderen Zahlen das Etwas. An dieser Zahlenreiche kann ich folgende Beobachtungen anstellen:

Die Null hat keine Ausdehnung. Ich kann zwar von beiden Seiten her beliebig nahe an die Null (d.h. 0.1, 0.01, 0.001, beziehungsweise -0.1, -0.01, -0.001 usw.) aber erreichen kann ich diese Zahl nie. Die Null hat auf dieser Zahlenreihe keine Ausdehnung – sie ist nur ein Punkt. Die Null ist somit ein theoretisches Konstrukt, zwar sehr nützlich für Rechnungen aller Art, aber unendlich klein. Und wenn die Null unendlich klein ist, dann kann man genauso gut sagen, dass sie gar nicht existiert. In anderen Worten: Es gibt kein Nichts, es gibt nur etwas. «Nichts» ist lediglich ein praktischer Platzhalter.

Alle Zahlen haben keine Ausdehnung: Das eben erläuterte Prinzip, dass die Null keine Ausdehnung hat, gilt jedoch auch für alle anderen Zahlen, auch eine Eins hat keine Ausdehnung. Daraus könnte man folgern, dass alle Dinge selbst ebenfalls unendlich klein sind, dass es zumindest die konkreten Dinge nicht gibt. Es gibt also nicht nur kein Nichts, sondern auch keine Dinge, zumindest keine konkreten, auch wenn diese alle in einem Bereich der Zahlenreihe auftreten, welche das Existierende darstellt. Es gibt also auch kein konkretes Etwas. Auch konkrete Dinge sind nichts anderes als praktische Platzhalter.

Ich kann die Null irgendwo setzen: Ich kann meine Zahlenreihe, auf die eine oder andere Seite verschieben, d.h. zum Beispiel die Null dort setzen, wo vorher die Eins war. Ich habe dann immer noch unendlich viele Zahlen auf beiden Seiten, so dass die neue Stelle problemlos null sein darf. Dies geht, weil null die Summe aller Zahlen darstellt und dies ist auch mit dieser Verschiebung noch der Fall. Die Konsequenz: Jeder Ort kann Nichts sein. Das Ganze gilt aber auch für jede andere Zahl. Jedes konkrete Ding könnte jedes andere sein. Also, weder der Platzhalter «Nichts» noch die Platzhalter «Etwas» sind an konkrete Standorte gebunden.

Das Fazit bisher: Sowohl das Nichts wie die konkreten Beschreibungen des Etwas haben keine Ausdehnung, man kann sie nur annähern. Zudem kann man sie ziemlich beliebig setzen. Wo etwas ist, kann genauso gut nichts sein und umgekehrt. Die Frage, wieso es etwas gibt und nicht vielmehr nichts, lässt sich somit nicht klären. Mehr sogar: Diese Frage scheint ziemlich sinnlos zu sein, obwohl sie als eine der wichtigsten und tiefgründigsten Fragen überhaupt angesehen wird.

Differenzen zwischen Zahlen sind real: Aus den vorgenommenen Beobachtungen können wir jedoch eine ganz andere Erkenntnis gewinnen: Gehen wir hierzu zurück zur Zahlenreihe. Zwar haben die einzelnen Zahlen selbst keine Ausdehnung, die Differenz zwischen zwei Zahlen hingegen schon. Diese ist klar beschreibbar und hat eine Länge – sie ist also etwas. In anderen Worten: Es gibt weder das konkrete Etwas noch das Nichts, aber es gibt Beziehungen zwischen Dingen.

Jetzt müssen wir konkret werden: Diese Beobachtung widerspricht unserer praktischen Erfahrung. Hier sehen wir ganz konkrete Dinge: Etwa ein Mensch oder ein Gegenstand. Wir sind uns sicher, dass es Dinge gibt, auch wenn diese durchaus zueinander in Beziehung stehen. Wie lässt sich das mit den oben gemachten Beobachtungen vereinbaren, dass es keine Dinge gibt, sondern nur Beziehungen? Das, was wir als uns selbst bezeichnen ist eben auch ein Bereich oder eine Differenz zwischen zwei Dingen, zum Beispiel der Bereich zwischen unserer linken und rechten Seite. Es gibt also in diesem Sinne kein wirkliches Ich – immer ist etwas eine Differenz zwischen zwei Dingen. (Gewisse mögen hier intervenieren und sagen: Doch, zumindest die Seele ist eine Einheit. Nach meinem Seelenbild, vgl. «Das schamanische Buch der Seele», besteht aber die Seele aus Bewusstseinselementen, die wir mit Anderen teilen. Also auch auf dieser Ebene passt das Konzept, dass es keine Dinge, sondern nur Beziehungen gibt.). Dinge sind also Bereiche, die aus Differenzen bestehen. Das, was wir als konkrete Dinge wahrnehmen, sind also auch Beziehungen.

Werden wir noch konkreter: Je grösser unser Ego, desto grösser ist wohl der Bereich, welcher wir einnehmen, damit wir uns wohl fühlen. Wollen wir unser Ego reduzieren (und dies ist eine nötige Aufgabe auf dem Weg des Schamanen zur Liebe), dann müssen wir diesen Bereich immer kleiner werden lassen, ihn gewissermassen gegen null tendieren lassen, d.h. wir müssen so viel wie möglich von dem Bereich, den wir als «uns» bezeichnen, weggeben, und dies so lange, bis wir selbst nur noch  Platzhalter sind. Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass nur Beziehungen real sind. Und für jede Beziehung, ob zu Personen, Tieren, Pflanzen, Dingen, braucht es immer etwas Anderes und nicht nur uns. Alles andere ist somit also genauso wichtig, wie wir selbst. Nur die Verbundenheit gibt es, sonst nichts, weder das Nichts noch das konkrete Etwas.

Die Konsequenz für das Leben des Schamanen: Wir arbeiten stetig daran, das separate «Ich» immer kleiner werden zu lassen und immer mehr Aufmerksamkeit auf die Verbundenheit mit allem anderen zu stecken. Es ist die Beziehung, die real ist, nicht die Dinge selbst. Dies gibt uns eine enorme Verantwortung, denn alles, was wir entscheiden und tun beeinflusst diese Verbundenheit. Wir sind dann nur noch die Träger oder die Verankerung, beziehungsweise die Pflegenden dieser Verbundenheit. Was wir tun oder auch nicht tun, beeinflusst das ganze Netz der Verbundenheit.

Das Resultat dieser eher philosophischen Betrachtung: Wir haben zwar festgestellt, dass die ursprüngliche philosophische Frage (wieso gibt es etwas und nicht vielmehr nichts) ziemlich sinnlos ist, dafür sind wir auf eine brauchbare Erkenntnis gestossen: Wir müssen immer weniger Aufmerksamkeit auf uns richten, uns selbst also immer weniger wichtig werden lassen, denn es gibt uns gar nicht wirklich – wir sind nur ein Platzhalter. Stattdessen beachten wir immer mehr die Beziehung zu Anderem und Anderen. Die Beschäftigung mit einer philosophischen Frage führte somit trotzdem zu einer ganz praktischen Einsicht…



Die nächsten Kurse:

Mit Schamanismus ein persönliches Thema angehen, Samstag und Sonntag, 16. und 17. November, 2019. Zürich. http://www.obihaus.ch/

Die schamanische Reise von Anfang an, Samstag, 7. Dezember, 2019. Oberwil bei Zug. https://www.oberwilerkurse.ch/kurse/schamanismus-von-anfang-an/

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