Donnerstag, 13. Oktober 2022

Vor dem Tod sterben

Seit dem letzten Blog sind schon einige Monate vergangen. Der Grund: Ich arbeite an einem neuen Buch, welches den grössten Teil meiner Schreibkapazität beansprucht. Aber ab und zu packt es mich trotzdem – dieses Mal wegen existentiellen Themen.

Ich war in der Franche-Comté unterwegs, einem Gebiet in Frankreich voller farn- und moosbestückten Schluchten, wunderbaren Wasserfällen, überall Quellen, manchmal ganz in blau und manchmal als ganze Flüsse aus den Felsen strömend, mit einer Höhle nach der anderen und vor allem viel Regen, unaufhörlicher Regen mit Nebel zwischen den Felsen und in den Schluchten. Ich verbrachte dieses Jahr fast sieben Wochen in diesem Gebiet, sehr oft mit dem Schirm wandernd und meist, ohne eine andere Person anzutreffen.

Dabei war die Verbundenheit mit der Natur sehr intensiv. Das war mein Ding. Nur: Zecken! Auf einer Reise hatte ich 10 Stück und eine führte zu einer Borreliose. Und auch jetzt warte ich darauf, ob nicht ein Zeckenbiss wieder zu einem roten Ring führt. Ich wollte mich verbinden, ich wollte mich voll und ganz in die Natur begeben, aber dass diese kleinen Tiere störten, verwirrte mich und brachte mich nach jedem Biss in eine existentielle Krise. Ich wusste zwar: Wenn sie rechtzeitig behandelt wird, führt eine Borreliose nicht in den Tod. Trotzdem zeigte mir jeder Biss meine Vergänglichkeit.   

Wir alle kommen einmal an ein Ende, an einen Punkt, wo es „uns“ nicht mehr gibt. Dies kann unvermittelt und plötzlich geschehen, es kann aber auch lange dauern und fast angekündigt geschehen. Diejenigen, die sich ihr eigenes Ende vor Augen halten, sagen oft, dass ihr Leben dadurch an Qualität gewinnt. Dass ihnen dabei bewusstwird, wie jeder Moment kostbar ist und dass es darum geht, nichts zu bereuen. Es gibt wohl nichts, was so stark zum Leben führt, wie der Tod. Ein Schamane lässt sich deshalb immer vom Tod begleiten.

So viel ist noch schnell einmal klar, zumindest für diejenigen, welche sich wagen, dem Tod in die Augen zu sehen. Ich möchte aber etwas weiter gehen. Es gibt mehr, als nur jeden Moment als kostbar anzuschauen. In einem weiteren Schritt gilt es, vor dem eigentlichen Tod zu sterben. Wir holen dabei also gewissermassen den Tod vor.

Wieso? Was bei unserem Tod stirbt, sind unsere Identitäten, das heisst unser Körper und alles, womit wir uns im Verlauf des Lebens identifiziert haben. Beim Tod verlieren wir also nicht nur unseren Körper, sondern auch unser Geschlecht, unsere Nationalität, unsere Rasse, unseren Beruf, unseren Zivilstand, unsere Vereinszugehörigkeit, unsere Hobbys, unseren Charakter, unsere Interessen – all diese Dinge sterben mit uns. Was hingegen nicht verloren geht, ist die Verbundenheit, welche wir mit Anderen und Anderem gespürt haben. Diese Verbundenheit bleibt.

Wenn wir nun vor unserem Tod sterben, so geht es darum, diese Identitäten bereits dann loszulassen, bevor dies mit unserem Tod unweigerlich von selbst geschieht. Das heisst, wir versuchen unsere Identifikation mit unserem Geschlecht, Nationalität, Rasse, Beruf und so weiter wegzugeben, so dass wir möglichst keine Identitäten mehr haben. Die freiwerdende Kapazität verwenden wir dann dazu, uns möglichst mit anderen Menschen, aber auch mit der Natur, mit den Steinen, den Sternen und allem, was es gibt, zu verbinden.

Mit diesem Gedanken, die neuste Zecke vor ein paar Stunden entfernt, wanderte ich zu einem einsamen Wasserfall in der Nähe von Ornans, genannt Cascade de Vaux. Dieser ergoss sich wunderschön in ein Becken, umringt von Farn und Moos – fast paradiesisch schön. Damit das Wasser jedoch diesen wunderbaren Wasserfall bilden konnte, musste es oberhalb des Falls das Bachbett loslassen. Das Wasser darf dort keinen sanft fliessenden Bach mehr sein – es muss also seine Identität als solchen verabschieden – sonst gibt es keinen Wasserfall. Und unterhalb des Wasserfalls ist das Wasser kein Wasserfall mehr, sondern ein Tümpel. Auch hier muss die Identität als Wasserfall weggegeben werden. Ständig werden also Identitäten losgelassen. Und später, das wusste ich, würde der Bach in einen Fluss münden und dieser ins Meer. Dieses ständige Loslassen würde weiter gehen. Ja, und vorher war das Wasser Regen, noch vorher eine Wolke und noch vorher Meer. Die Form geht immer verloren, die Verbundenheit mit anderem Wasser, mit der Erde, der Sonne bleibt aber bestehen. So wollte ich auch werden!

Mit diesem Gedanken sah ich, dass auf den Felsen neben dem Wasserfall die Vegetation die Form eines Herzens hatte. Ja, die Verbundenheit war Liebe. Das Loslassen der Identitäten geschieht in Liebe.  Alles schön und gut, nur durfte man dabei den Alltag nicht verpassen – oder besser gesagt, das Loslassen geht über die ganz gewöhnlichen Themen des Alltags. Dies wurde durch den nächsten Wasserfall deutlich: Dieser hiess nämlich «Petite Pisse»… Die Wanderwegtafel ist jedoch verkehrt aufgehängt – das Sterben vor dem Tod entspricht nicht unserem üblichen Vorgehen, wo es in der Regel darum geht, unsere Identitäten zu fördern. Genauso die Symbolik des darunter aufgehängten im Département Doubs üblichen Wanderwegzeichen – die umgekehrte Flagge der Ukraine. Auch bei Kriegen geht es um Identitäten. Aber das Loslassen der Identitäten bringt durchaus Glück, denn nach der «Petite Pisse» kam ich an eine unerwartet sonnige Stelle, wo ganz viele Marienkäfer auf mir landeten…

Also, so unangenehm die Geschichte mit den Zecken, so deutlich deren Mitteilung: «Sterbe bereits jetzt und verbinde dich in Liebe. Lasse die Identitäten los und spüre die Verbundenheit mit allem.»

 

 Wasserfall: Cascade de Vaux, die herzförmige Vegetation befindet sich links vom Wasserfall.                       

                             

Wegweiser zum Wasserfall «Petite Pisse».  

Die nächsten Kurse:

Die Reise zu sich selbst: Samstag, 12. November, Obi Haus Zürich: Obihaus – Kurse
Die schamanische Reise: Samstag, 26. November, Oberwiler Kurse, oberwilerkurse

Sonntag, 13. März 2022

Erkenntnisse aus dem Krieg

Kaum ist Corona vorbei (vermeintlich), kommt die nächste Krise: Krieg in der Ukraine. Wie geht der Schamane damit um? Ein Ansatz ist immer: Alles, was ich im Aussen beobachte, gibt es auch in mir selbst. Das heisst, auch der Krieg, oder besser gesagt, diejenigen Aspekte des Krieges, die mich betroffen machen, habe ich auch in mir. Der Krieg ist also eine gute Gelegenheit, Gesichtspunkte von mir zu analysieren, heilen und verbessern. Hier eine Liste von Elementen des Krieges, welche mich betroffen machen, welche Erkenntnisse ich daraus ziehe und welche Fragen sich für meine persönliche Entwicklung daraus ableiten lasse – dies als Inspiration, es auch so zu tun. Wie immer bei solchen Interpretationen, muss ich betonen, dass es sich um meine Beobachtungen handelt. Andere Menschen haben andere Themen und beobachten und interpretieren die Geschehnisse deshalb auch anders. Übrigens: Eine solche Analyse ist immer auch einen kleinen Beitrag an den Frieden. Wenn die Erkenntnisse aus Ereignissen klar sind und im persönlichen Leben umgesetzt werden, dann müssen die Ereignisse nicht mehr stattfinden oder sie machen einen nicht mehr betroffen.


Beobachtung: Der Krieg macht keinen Sinn. Der Umfang und die Härte entsprechen in keiner Art und Weise den gesteckten Zielen. 

Erkenntnis: Handlungen muss man einem konkreten Thema anpassen.

Frage: Wo sind meine Handlungen nicht angemessen?

 

Beobachtung: Eine Begründung, welche Putin für den Krieg gibt, ist die Befreiung der Ukraine von drogenabhängigen Neonazis, welche die Führung des Landes übernommen hätten. Auch soll die russischsprachige Minderheit erlöst werden. Doch ist ausgerechnet Selensky, der Präsident der Ukraine, russischsprachig und von jüdischer Abstammung. Dass Begründungen selten stimmen, sehe ich auch an vielen anderen Orten, z.B. bei Reorganisationen und Entlassungen, Erklärungen von Ämtern oder im Privaten sind die Gründe, welche mir gegeben werden, kaum stimmig, wenn man sie genauer anschaut.

Erkenntnis: Begründungen, die wir von anderen Menschen oder Organisationen hören stimmen fast nie. Die Begründungen, die wir uns selbst geben, um unser eigenes Verhalten zu rechtfertigen, stimmen meistens genauso wenig. Auch wir lügen uns selbst an. Wollen wir weiterkommen, müssen wir gegenüber uns selbst ehrlich sein.

Frage: Wo bin ich nicht ehrlich zu mir selbst?

 

Beobachtung: Scheinbar will Putin ein Grossrussland oder eine Art Fusion zwischen Russland und der Ukraine erzwingen. Beziehungen lassen sich aber nicht erzwingen. Man mag zwar die Idee haben, dass eine Beziehung gut für den anderen sei, aber wenn dieser nicht will, dann bringt es nichts.

Erkenntnis: Man kann Beziehungen nicht erzwingen. Wollen wir dies, dann zerstören wir dabei mehr, als wir allenfalls gewinnen können. Wir müssen Beziehungen ihren Lauf lassen und wenn der andere nicht will, dies auch akzeptieren.

Frage: Wo versuche ich Beziehungen zu erzwingen?


Begründung: Offenbar hat Putin mehr oder weniger in Isolation seine Idee von Grossrussland entwickelt, allenfalls wurde er von einem engen Vertrauten aufgeschaukelt.

Erkenntnis: Um gut zu entscheiden, müssen wir uns in ein Geflecht von Beziehungen begeben und Widerrede tolerieren, ja sogar willkommen heissen. Nur so sehen wir alle Optionen, die uns zur Verfügung stehen, eine unabdingbare Notwendigkeit, sogar dann, wenn wir mit dem Herzen entscheiden. Ein Herzentscheid funktioniert nur dann, wenn wir auch alle Möglichkeiten wahrgenommen haben.

Frage: Sehe ich alle Optionen, bevor ich mich entscheide?

 

Beobachtung: Der Krieg bedroht unglaublich viele unschuldige Menschenleben. Sehr viele Menschen sind direkt in Lebensgefahr, viele mehr indirekt durch Preiserhöhungen oder Angst vor einem ausgeweiteten Krieg betroffen. Wie es Einzelne trifft, ist unfair und zufällig.

Erkenntnis: Es gibt keine übergeordnete Gerechtigkeit. Äussere Dinge passieren einfach – diese sind selten fair. Ich kann aber immer in meinem Inneren heilen. Diese Freiheit bleibt mir, egal was passiert.

Frage: Wo wehre ich mich gegen die äusseren Ereignisse?

 

Beobachtung: Der Krieg hat die Corona Probleme überdeckt. Er nimmt uns die Chance, die Probleme und Ungereimtheiten aufzuarbeiten.

Erkenntnis: Wir dürfen ein Problem mit einem anderen ersetzen. Das alte Thema muss aufgearbeitet werden, auch wenn das neue dramatischer wirkt.

Frage: Wo habe ich alte Themen nicht vollständig bearbeitet?

 

Beobachtung: Es ist unklar, wie alles herauskommen wird. Wir können zu diesem Zeitpunkt kaum eine Prognose wagen, weder für die Ukraine, für Russland oder ganz konkret für unser eigenes Leben. Alles kann verhältnismässig glimpflich ablaufen oder in einem umfassenden Krieg mit Hungersnöten enden. Als einzelner Mensch können wir dies kaum beeinflussen, aber die innere Bearbeitung bleibt stets eine Möglichkeit.

Erkenntnis: Unsicherheit gehört zum Leben. Wir können aber immer die Gelegenheiten nutzen, unsere inneren Themen anzugehen.

Frage: Bearbeite ich alle meine inneren Themen?

 

Beobachtung: Putin hat ein falsches Bild der Geschichte, welche er als Begründung für den Einmarsch verwendet. Er vergisst Elemente, die nicht dazu gehören und dichtet andere hinzu.

Erkenntnis: Wir haben alle die Tendenz, unsere Geschichte verändert darzustellen. Wollen wir weiterkommen, ist jedoch eine ehrliche Betrachtung notwendig.

Erkenntnis: Nehme ich meine Vergangenheit ehrlich wahr?

 

Beobachtung: Der Westen kritisiert Russland für den unbegründeten und übertriebenen Einmarsch. Ganz ähnliches haben aber die USA im Irak und bereits zahlreiche Male vorher verschuldet. Beispielsweise haben die USA California, Nevada, Arizona, New Mexico, Colorado und Texas von Mexiko erobert oder sonst mit zwielichtigen Mitten angeeignet.

Erkenntnis: Meistens macht man das, was man an anderen kritisiert, selbst auch.

Frage: Was kritisiere ich? Mache ich das Gleiche auch?

 

Beobachtung: Europa nimmt ukrainische Flüchtlinge mit offenen Armen auf. Bei den Flüchtlingen aus Afghanistan oder Syrien war man viel zurückhaltender. Das kommt mir wie Heuchelei vor. Vermutlich werden die Ukrainer offener aufgenommen, weil man den Eindruck hat, sie seien näher verwandt oder ähnlicher, obwohl man durchaus Argumente aufführen könnte, wieso dies nicht so ist.

Erkenntnis: Menschenfreundlichkeit ist oft heuchlerisch.

Frage: Wo und wieso bin ich ein «guter» Mensch?

 

Beobachtung: Das internationale Eisenbahnlärmnetzwerk, welches ich leite, hatte wenige Tage nach dem Kriegsbeginn eine online Sitzung geplant. An dieser Sitzung hätten die russischen Bahnen zum ersten Mal teilgenommen. Sollte man sie nun ausladen oder nicht? Und wenn ja, wie? Ein Dilemma. Der einzelne russische Bahningenieur kann nichts für den Krieg und eine fachliche Besprechung könnte sogar friedensfördernd sein. Doch wurde der Druck der anderen Teilnehmer immer grösser, Russland zu boykottieren und auch ich fand, dass der russische Angriff absolut ungerechtfertigt war. Wegen dem gleichen Dilemma verbot die internationale Bahnorganisation (unter dessen Schirmherrschaft diese Sitzung stattfand) alle Sitzungen gänzlich. Wir organisierten als Folge jedoch eine informelle Sitzung, was dann aber unmittelbar vor der Sitzung wieder überflüssig wurde, weil die Bahnorganisation Russland suspendierte und die Sitzung wieder offiziell, aber ohne Russen, stattfinden konnte. Es war eine stressige Situation, in der ich oft nicht wusste, was machen und immer wieder neu entscheiden musste.

Erkenntnis: Dilemmas und schnell ändernde Situationen gehören zum Leben. Man muss sie aushalten und darin ständig neue Lösungen versuchen.

Frage: Gebe ich meinen Dilemmas genügend Raum und bin ich gewillt immer wieder neue Lösungen auszuprobieren?

 

Beobachtung: Die Farben der ukrainischen Flagge sind hellblau und gelb, diejenigen der russischen weiss, ein dunkleres blau und rot. Umgemünzt auf die Farben der Chakren, heisst dies, dass das Weltbild (dunkelblau) und die Existenz (rot) versuchen die Darstellung (hellblau) und den Standort oder die Gefühle (gelb) zu dominieren. Das Weiss (Herz) ist nicht mehr in der Mitte, sondern auf die Seite gedrängt. Interessanterweise bin ich letzten Herbst in der Franche Comté sehr oft hellblau/gelben Wanderwegzeichen gefolgt (allerdings mit gelb oben), fast wie wenn das Thema damals schon in der Luft gelegen wäre.

Erkenntnis: Die Themen von einzelnen Chakren versuchen andere zu dominieren, anstatt sich im Herzen zu verbinden.

Frage: Wo werden mein Gefühl und meine Darstellung von meinem Weltbild und existentiellen Themen verdrängt. Wie kann ich die Chakren im Herzen verbinden?

 


Wanderweg in der Franche Comté mit gelb/blauem Wanderwegzeichen.

 

Nächster Kurs: 2. April, 2022, Die Schamanische Reise von Anfang an. Ein Kurs für Anfänger und Fortgeschrittene. Oberwiler Kurse: oberwilerkurse

 

 

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Rache? Oder Abenteuer?

Mittwoch, 1.12: Wegen einem gestrichenen Flug müssen wir bis Ende Jahr einen Flugvoucher einlösen. Wegen technischen Problemen verbringe ich viel Zeit am Telefon mit dem Help Desk. Meine Bemühungen sind erfolglos.

Donnerstag, 2.12: Ich finde doch einen Weg, den Flug zu buchen. Ich freue mich riesig. Der Voucher ist damit nicht einmal vollständig aufgebraucht.

Freitag, 3.12: Berset verkündet neue Corona Massnahmen, wiederum solche, die vor allem Grenzübertritte erschweren. Ausgerechnet einen Tag, nachdem wir gebucht haben! Gut, es geht noch sechs Monate bis zur tatsächlichen Reise – bis dann ist ja vielleicht alles wieder machbar, ein Hoffnungsschimmer besteht also noch.

Aber trotzdem: Wut! Wieso wird immer auf Menschen gezielt, die Grenzen überschreiten wollen? Diese werden viel mehr schikaniert als solche, die sich im Inland bewegen. Mit dieser Wut kommen Rachegelüste auf: Wie könnte man sich rächen, ob dem Leid, welches durch die Massnahmen verursacht wird? Langsam habe ich genug! Ich bin wütend und stehe dazu. Aber ich bin auch Schamane. Die Wut zeigt, dass ich ein Thema habe. Es steht also Arbeit bevor.

(Nebenbemerkung: Ob andere Menschen, diese Massnahme ebenfalls als Leid verursachend empfinden spielt dabei keine Rolle – es ist mein Gefühl. Andere mögen beispielsweise in Wut geraten, weil die Massnahmen zu wenig weit gehen. Das ist ihr Gefühl – und sie können auf die gleiche Art und Weise damit umgehen, wie ich hier beschreibe. Der eigentliche Sachverhalt spielt hier kaum eine Rolle.)

Woher kommt meine Wut? Reisebeschränkungen richten sich einseitig gegen Menschen, die in verschiedenen Kulturen zuhause sind – so wie ich – und deshalb Landesgrenzen überschreiten wollen oder sogar müssen. Gleichzeitig nützen solche Massnahmen nichts gegen die Fallzahlen, denn diese sind ja im Ausland meist sogar tiefer. Mit dieser Logik müsste man viel eher die Reisefreiheit innerhalb der Schweiz einschränken. Nein, es macht keinen Sinn, sondern es geht darum – so meine Empfindung - dass Menschen aus tieferen Kasten in der Schweiz diskriminiert werden.

Was meine ich damit? Nimmt man die zwei Faktoren «Bürgerrecht» und «Migrationshintergrund» so beobachte ich in der Schweiz folgende Kasten: 1) Zuoberst befinden sich die einheimischen Bürger, welche gleichzeitig einer Insiderorganisation (Zünfte, Ortsbürger, Basler Teig usw.). angehören. 2) Darauf folgen die einheimischen Schweizer Bürger, welche keinen Zugang zu einer Insiderorganisation haben. 3) Einen weiteren Rang tiefer befinden sich die Schweizer Bürger mit Migrationshintergrund (z.B. Eingebürgerte) oder Third Culture Anteilen (d.h. solche die in verschiedenen Ländern aufgewachsen sind, hierzu gehöre ich) 4) Es folgen Einwohner, ohne Schweizer Pass, welche hier aufgewachsen sind (z.B. Secondos) 5) Dann Einwohner ohne Pass, welche hierher migriert sind, 6) Schliesslich Sans Papiers. Natürlich kann man auch andere Kategorien wählen und auch dort werden bestimmte Kategorien von Menschen mit den Massnahmen benachteiligt: Menschen in Wohnungen sind von einer Quarantäne viel mehr betroffen als solche in Einfamilienhäusern, psychisch angeschlagene ebenfalls. Singles haben mehr Mühe als verheiratete. Gleisarbeit mit Maske ist beeinträchtigender als Homeoffice, ÖV-Benützer haben grössere Einschränkungen als Autofahrer, usw. Ich wähle aber die gesellschaftlichen Kasten als mein persönliches Beispiel.

Zu diesen Kasten: Die Massnahmen an der Grenze zielen vor allem auf die Kasten «Schweizer mit Migrationshintergrund» und darunter (Kaste 3-6) ab. Diese Menschen werden an den Pranger gestellt, weil sie verschiedene Kulturen in sich vereinen und deshalb von den oberen beiden Kasten als fremd bezeichnet werden. Und fremd ist böse! Deshalb müssen diese Menschen irgendwie bestraft werden. Und die meisten können sich nicht wehren, weil sie gar kein Stimmrecht haben (Kaste 4-6). Da ich mich zu den tieferen Kasten zähle (Kaste 3), fühle ich mich durch Massnahmen an der Grenze von den oberen beiden Kasten diskriminiert und bestraft. Dies ist der Grund für meine Wut. (Interessanterweise finden die Menschen noch weiter unten als ich – z.B. diejenigen, die kein Schweizer Bürgerrecht haben, ich sei im Verhältnis zu ihnen privilegiert, was natürlich auch stimmt und ich hätte deshalb nichts zu klagen. Aber man findet immer jemanden, dem es schlechter geht.)

Aber eben, gleichzeitig bin ich Schamane. Ich gehe so lange ein Thema an, bis es mich nicht mehr betroffen macht. Ob dann die Massnahmen an der Grenze oder gar das Kastendenken aufgehoben ist, spielt dabei keine Rolle. Ich gebe mir nun ein halbes Jahr Zeit: Kann ich bis dann so weit kommen, dass mich diese Themen nicht mehr betroffen machen? Mein Vorgehen:

1. Die Wut akzeptieren: Ich bin wütend und ich darf wütend sein. Es bringt wenig hier eine Zen Haltung einzunehmen und zu sagen, nein ich darf nicht wütend sein. Gleichzeitig geht es in dieser Phase nicht darum, konkret zu handeln. Ich bin einfach da und ich bin wütend. Dabei spüre ich wie sich Energiereserven öffnen, von denen ich gar nichts wusste.

2. Die Optionen anschauen: Ich muss meine konkreten Möglichkeiten vor Auge halten: Ich kann etwa die Reise nicht antreten, eine Versicherung kaufen usw.  Aber, in diesem Fall ist es wohl meine eigene Heilung die wichtigste Option. Dazu muss ich tief und ehrlich in mich hineingehen. Wieso bin ich so wütend? Wieso will ich eigentlich Rache?

3. Mit dem Herzen entscheiden: Parallel muss ich immer mit dem Herzen entscheiden, was ich konkret mache. Im Moment muss ich keine Entscheidungen fällen – die Reise ist erst in sechs Monaten. Ich kann mich in dieser Zeit voll auf meine Heilung konzentrieren. Mein Herz sagt «ja» zu meiner eigenen Heilung.

4. Umsetzen: Um mich selbst zu heilen, muss ich tief in mich hinein hören. Meine Wut und Rachegefühle kommen nach meiner Empfindung daher, dass ich wahrgenommen werden will. Anderen Kategorien von Betroffenen, etwa der Gastrobranche oder den Pflegenden, wird immer geholfen – diese werden gehört. Die Multikulturellen werden nicht wahrgenommen oder höchstens als «die Bösen». Wo habe ich dies auch schon erlebt? Es braucht hier eine Reise ganz tief in mein Innerstes.

Diesen Kreislauf muss ich nun immer wieder und wieder durchgehen.

Ich erkenne dabei: In einem gewissen Sinne ist dieses Vorgehen sogar die beste Rache von allen. Wenn mich die gesellschaftlichen Kasten und die Grenzschikanen nicht mehr betroffen machen, dann hat das System verloren. Dieses bekommt von mir keine Aufmerksamkeitsenergie mehr und dadurch habe ich es überlistet. Und statt offensichtlicher Rache habe ich nun ein Abenteuer…

Montag, 6.12.21: Mit dem übrig gebliebenen Geld buche ich einen weiteren Flug für den Herbst.

 

Grenzzaun zwischen Italien und der Schweiz am südlichsten Punkt der Schweiz. Am Tag, als der Grenzübertritt erschwert wurde, fand ich diese Öffnung im Zaun. Blick von Italien in die Schweiz.

Die neuen Kurse für 2022 sind hier: Angebot | jakoboertli.ch

Freitag, 22. Oktober 2021

Das Ende von Kulturen

Wieder gelange ich dank den Kelten zu Erkenntnissen: Ich war in Alaise, einem kleinen Dorf mit kaum 50 Einwohnern im französischen Département Doubs. Auf einer genauen Karte hatte ich in der Nähe einen Ort gesehen, welcher mit «Vestiges Gaulois», gallische Überreste, gekennzeichnet war. Dort wollte ich hin. Dies hätte mich schon unter normalen Umständen interessiert, aber ich hatte zufälligerweise ein paar Tage früher in einem Supermarkt die Zeitschrift «GEO Histoire» zum Thema «Les Gaulois» gekauft und darin gelesen, dass es offenbar eine Kontroverse um den Standort der Schlacht von Alésia gab. An diesem Ort fand im Jahr 52 vor Chr. die Entscheidungsschlacht zwischen den Römern unter Gaius Iulius Caesar und den Galliern unter der Führung des Vercingetorix statt. Letzterer hatte die verschiedenen keltischen Stämme in Gallien vereinen können, um die Römer aus Gallien zu vertreiben. Dies gelang Vercingetorix jedoch nicht. Er verlor die Schlacht und dank des Sieges der Römer, konnten diese ihre Herrschaft in Frankreich für die nächsten Jahrhunderte festigen. Kurz: In Alésia vereinten sich die gallischen Stämme ein letztes Mal, verloren jedoch, und dies führte zum Ende der keltischen Kultur in Gallien.

Aber wo fand diese Schlacht genau statt? Die allermeisten Archäologen und Historiker tippen auf Alise-Sainte-Reine in der Bourgogne – dort stehen auch Denkmäler, Touristenzentren, Museen und dergleichen. Aber nicht alle Experten teilen diese Ansicht. Einige weitere Standorte sind in Diskussion. Darunter genau das Alaise, wo ich mich gerade befand.

Ein alter verwitterter Wegweiser zeigte zum Standort. Unterwegs war ich genau auf der Nebelgrenze, was zu speziellen Lichtspielen der Sonne in den Bäumen führte. Es war aber nicht nur Idylle: In der Ferne hörte ich Motorsägen und just als ich an einem Hügel vorbeikam – später identifizierte ich diesen als ein keltischer Grabhügel – hörte ich, wie ein gefällter Baum zu Boden krachte. Ich erinnerte mich: Eine Strategie der Römer war, die Bäume in den heiligen Hainen der Kelten zu fällen, um so diesem Volk ihre spirituelle Grundlage zu rauben. Wie als Bestätigung dieser Idee folgten Stapeln von gefällten Fichten auf beiden Seiten des Weges, bevor ich zu den keltischen Überresten kam.

Und diese übertrafen alle Erwartungen: Deutlich konnte man die Befestigungsmauern erkennen, wie auch die Umrisse von Häusern und eine Strasse samt Randsteinen. Alles war mit dichten Schichten von Moos überdeckt. Die ganze Siedlung erstreckte sich über 1.5 km, auch wenn heute die Häuser nur noch in einem Teil gut sichtbar sind. Ausser mir, war da niemand. Die Siedlung war gleich oberhalb einer Felswand (Alaise kommt von einem keltischen Wort für Felswand), aber weil ich immer noch gleich an der Nebelgrenze stand, sah ich unter mir nichts als weiss. An einer Stelle ging ein alter Pfad – heute als Wanderweg ausgeschildert – einige hundert Meter nach unten zum Fluss Lison (keltisch für «kleiner Fluss»). Auf meiner ganzen Reise hatte ich immer gehofft, dass ich an einer Stelle ein Wanderwegzeichen am Boden finden würde, welches ich als Andenken mitnehmen könnte. Und genau hier fand ich das für das Département Doubs typische gelb-hellblaue Zeichen auf weissem Grund.

Dieser einsame Ort war auch genau richtig, um die Stimmung der alten Kelten zu spüren. Wieso hatten die Kelten die Schlacht um Gallien nicht gewonnen? Sie hatten den Heimvorteil. Sie hätten die Römer aus dem Hinterhalt oder mit Terrorattacken sicher besiegen können. Solches gelang dieses Jahr auch den Taliban oder vor 50 Jahren den Vietcong. Klar waren die keltischen Stämme unter sich auch nicht immer gut zu sprechen, was die Römer zu nutzen wussten. Aber diese Erklärung befriedigte mich nicht: Ich konnte nicht wirklich verstehen, wieso die Kelten die Gallierkriege nicht gewonnen hatten. Während ich darüber sinnierte, sah ich vor mir einen Pilz. Es wurde mir klar: Würde ich Pilze verstehen, dann würde ich auch den Niedergang der Kelten verstehen.

Pilze? Das, was wir als Pilz gemeinhin erkennen ist nur der Fruchtkörper, welcher nur das Fortpflanzungsorgan des im Boden sonst verbreiteten Myzels ist. Der Fruchtkörper besteht aus miteinander verwachsenen Hyphen, welche die Sporen bilden. Damit die Sporen verbreitet werden, locken die Fruchtkörper gewisser Pilze zum Beispiel mit Gerüchen Tiere an, welche den Pilz berühren oder ihn gar verspeisen, um auf diese Weise die Sporen zu verbreiten. Auch wenn dabei der Fruchtkörper eingeht, überlebt der Pilz als Ganzes oder kann sich an neuen Standorten aus den Sporen spriessen.

Genau dies hat Vercingetorix auch gemacht: Er hat die verschiedenen Keltenstämme (die Hyphen) vereint, ein Heer gebildet (der Fruchtkörper), welches Caesar anlockte aber Vercingetorix und die Kelten sind dabei eingegangen. Während Caesar die Keltenstämme eroberte, beschrieb er sie gleichzeitig genaustens. Ohne ihn, wüssten wir fast nichts über diese Kultur, denn die Kelten selbst schrieben grundsätzlich fast nichts auf. Auf diese Weise sind die Kelten zwar untergegangen, aber ihre Ideen und Philosophien sind dank Caesar immer noch bekannt. Könnte es nun sein, dass die Gallier gar nicht gewinnen wollten? Könnte es sein, dass sie wussten, dass ihre Zeit abgelaufen war? Wollten sie deshalb alles noch einmal zusammenbringen und mit der verlorenen Schlacht erreichen, dass einige ihrer Ideen weiterlebten?  

Dieses Phänomen gab es nicht nur bei den Kelten: Auch die Etrusker wussten, dass ihre Kultur nach 1000 Jahren fertig sein würde und genauso unplausibel verloren sie danach Stadt um Stadt an die Römer. Dabei nahmen die Römer viele etruskische Elemente in ihre Kultur auf und diese lebten so weiter. Weitere Beispiele: Die nordamerikanischen Indianerkultur wurden von den Europäern mehr oder weniger vernichtet, doch dank dieser Einverleibung wissen wir heute viel über sie. Und ist es nicht bei den Tibetern auch so? Wäre der Dalai Lama nicht nach Indien geflohen, wüssten wir viel weniger über den tibetischen Buddhismus. Hypothese: Vor ihrem Niedergang versuchen gewisse Kulturen möglichst viele Elemente zusammenzubringen und lassen sich dann gewissermassen aufessen. Auf diese Art lebt ein Teil ihrer Kultur weiter, auch wenn sie selbst eingehen.  

Gedankensprung: Uns als einzelne Menschen geht es doch genauso: Auch bei uns geht es wohl darum, unsere Verbindungen zusammenzubringen bevor wir sterben. Dies wollte mir das Wanderwegzeichen zeigen: Hier wurde symbolisch das dritte Chakra (gelb, Solarplexus) mit dem fünften Chakra (hellblau) im Herzen (weisser Hintergrund) zusammengebracht. Die Chakren sind die Orte, wo wir über die spirituelle Welt mit Anderem verbunden sind. Bringt man diese Chakren zusammen, geht man in Weiss beziehungsweise in Liebe auf. Genauso wie das Weiss des Nebels oberhalb der Felswand von Alaise.

Ob Kultur oder Einzelperson: Wir müssen die Dinge zusammenbringen (und nicht gegeneinander ausspielen), dabei etwas Neues sprich uns selbst werden und dann Sporen bilden. Diese Sporen können weiterleben, während wir gleichzeitig akzeptieren, dass wir als Einheit einem Ende entgegensteuern. Wir sind also die Fruchtkörper unserer Verbindungen. Lassen wir das zu.

 


Nächste Kurse:

Schamanische Reisen ins eigene Leben, 6. November, 2021, Zürich: Obihaus – Kurse

Schamane zwischen Welten, 20. November, 2021, Oberwil bei Zug: oberwilerkurse

 

Mittwoch, 25. August 2021

Zwischenwelten

Zwischen Vendlincourt, Bonfol, Courtavon und Pfetterhouse – die ersten beiden im Kanton Jura, beiden letzteren im elsässischen Sundgau – liegt ein grosser, sumpfiger, flacher Wald – der Bois Juré. Auf der Seite von Vendlincourt fliesst das Wasser in die Vendline und dann über den Doubs und die Rhone ins Mittelmeer. Auf der Seite von Courtavon in die Largue, welche über den Rhein in die Nordsee fliesst. Nicht nur geht hier eine Landesgrenze durch, sondern es besteht auch eine kontinentale Wasserscheide. Dieser Wald ist aber so flach, dass es über grosse Bereiche unklar ist, wohin das Wasser genau fliesst. Ist man in diesem Wald, so sieht man auch nicht hinaus – keine topografischen Elemente helfen bei der Orientierung. Es ist hier zudem sehr ruhig – der Lärm der menschlichen Zivilisation wird fast gänzlich vom Wald geschluckt. In diesem Wald ist es meist unklar, in welchem Land man gerade ist – z.B. führt eine französische Strasse durch die Schweiz oder Schweizer Wanderwege führen durch Frankreich – auch diese Orientierung funktioniert hier nicht. Zu gewissen Zeiten kam mit Deutschland noch ein weiteres Land hinzu und das Gebiet ist durchsäht mit alten Bunkern, Beobachtungsposten und Schützengräben aller drei Länder – heutzutage als Lehrpfade ausgeschildert, so wie der Circuit du Kilometer 0. Im Jahr 1914 machten hier die Franzosen die Schweizer Grenze zum Anfangspunkt ihrer Front. Damit wurde der Grenzstein 111 zum Kilometer Null der Westfront. Zu dieser Zeit gab es hier zudem ein Streifen Niemandsland. Ein weiteres, allerdings modernes Merkmal des Waldes ist eine Sondermülldeponie der Basler Chemie, welche jedoch mittlerweile saniert ist.

Dieser Wald ist wahrlich ein Gebiet zwischen den Welten. In diesem Forst ist es unklar, ob man nun zum Mittelmeer oder zur Nordsee, zur Schweiz oder zu Frankreich gehört. Hier kann man sich mit nichts identifizieren. In diesem Wald sind wir weder dies noch das, weder hier noch dort. Wir sind nicht ständig daran erinnert, wo und was wir sind. Wir sind hier ohne Identität.

Insgesamt verbrachte ich 11 Nächte in diesem Wald.

Dies ist ein Ort für Schamanen. Dort wo die Identitäten verloren gehen, können wir uns auf Verbindungen konzentrieren und so spüren, wohin es uns wirklich zieht. Hier in dieser Zwischenwelt können wir in Ruhe verstehen, um was es wirklich geht. Was ist real? Was ist Illusion? Hier können wir also erkennen, wo und wie es weitergeht.

Solche Zwischenwelten gibt es natürlich nicht nur im Bois Juré, sondern diese sind überall anzutreffen. Viele Menschen haben diese von Haus aus – sie sind etwa in verschiedenen Ländern aufgewachsen und haben unterschiedliche Kulturen und deshalb solche Zwischenwelten ständig in sich selbst. Andere Menschen sind etwa bei der Arbeit gänzlich anderen Kulturen ausgesetzt als in ihrem familiären Umfeld. Weitere befinden sich zwischen zwei Lebensphasen – haben sich etwa von einem Partner getrennt und sind vorübergehend alleinstehend. Andere stehen zwischen zwei Arbeitsstellen. Diese Zwischenwelten gibt es also immer wieder und überall. Wir müssen sie jedoch wahrnehmen und wertschätzen. Wir müssen die Gelegenheit packen und unsere Identitäten loslassen, uns auf uns selbst besinnen und in Ruhe auf unser Herzen hören. So spüren wir, wohin es als nächstes geht. Und dann wird es plötzlich doch klar, ob wir nun in die Vendline oder in die Largue fliessen…

Aber dieser Zwischenbereich hat auch seine Gefahren: Wir sind hier sehr empfindlich. Potenzielle Angreifer können dies ausnutzen und beispielsweise ihren Müll bei uns deponieren, so wie dies die Basler Chemie in der Deponie tat. Oder die Angreifer versuchen uns davon zu überreden, ihren Weg zu gehen – wie die Berater, Versicherungsvertreter, Missionare und dergleichen, welche uns in diesen empfindlichen Zeiten kontaktieren. Menschen in Zwischenwelten sind anfällig auf solche Angriffe. Wie gehen wir damit um? Wir müssen uns bewusst sein, dass es sie gibt. Wir anerkennen, dass die Zwischenwelt nicht ein geschütztes Refugium ist und wir müssen Kontaktaufnahmen und Hilfeleistungen sehr kritisch hinterfragen. Es geht um uns und nicht um andere. Genauso wie ein Wassertropfen im Bois Juré sorgfältig die natürliche Topografie spüren muss, um nicht durch die Störung der Deponie abgelenkt zu werden. Wir müssen also Störungen als solche anerkennen und dann ignorieren.

Wir können in diesem Wald aber noch mehr erkennen: Auch die Zahlensymbolik unterstützt uns. In der Numerologie symbolisiert die Zahl 111 oft, dass wir auf eine Mitteilung achten müssen, um unser Potential zu erfüllen. Diese Mitteilungen sind oft sehr diskret, so dass wir genau hinschauen müssen. Damit die Mitteilung nicht verfälscht wird, werden wir eine Zeitlang die Null, genauso wie der Grenzstein 111 zum Kilometer 0 deklariert wurde. Hier ist alles aufgelöst und wir haben keine Identität mehr. Die Null symbolisiert die Zwischenwelt sowie ein Neuanfang aus dem Nichts. Auch die 11 Nächte passen. Die Zahl 11 will uns auffordern, die eigenen blinden Flecken zu erkennen. Denn tun wir dies nicht, dann nützen die anderen Zeichen wenig.

Wieso heisst der Wald «Bois Juré»? Übersetzt bedeutet dies «der Wald der Geschworenen», oder einen Ort, wo man schwört beziehungsweise einen Eid ablegt. «Le Juré» heisst auch der Richter. Auch dies gehört zur Zwischenwelt. Dies ist ein Ort, wo man eine Entscheidung fällt und gegenüber sich selbst den Eid ablegt, wirklich seinen Weg zu gehen. Zieht es uns zur Vendline, dann folgen wir ihr danach mit aller Konsequenz, zieht es uns zur Largue, selbstverständlich auch. Interessanterweise gibt es aber noch eine Möglichkeit zur Korrektur – einige Kilometer nördlich vermischen sich die Gewässer im Canal du Rhône au Rhin. Man verspricht sich zwar, den Weg zu folgen, aber so kritisch ist es dann auch wieder nicht – Änderungen sind immer möglich.

Ich landete mehr oder weniger durch Zufall an dieser Stelle. Es war nicht die ursprüngliche Absicht. Aber einmal gefunden, zog es mich immer wieder hin, bis es am Ende 11 Nächte waren. Auch dies war kein Plan – es geschah einfach so. So ist es mit dem Zwischenwelten: Diese entstehen immer wieder und meist ungeplant. Aber sind sie einmal da, dann halten wir inne, anerkennen ihre Bedeutung und geben nicht dem Drang nach, rasch irgendwo anders hinzugehen. 

Sumpfiger Wald bei Bonfol

In eigener Sache: Zum Thema Zwischenwelten werde ich am 20.11.21 in Oberwil bei Zug einen Kurs anbieten. Hier können wir diese Themen gründlich besprechen und Übungen dazu durchführen: oberwilerkurse.


Montag, 5. April 2021

Videokonferenzen: Weshalb wir so viel Energie verlieren

Sie heissen Zoom, Teams, GoToMeeting, WebEx, Skype. Seit mehr als einem Jahr kommuniziere ich beim Arbeiten hauptsächlich mittels solchen Videokonferenzen. Gewisse, mir lieb gewordene Menschen, mit denen ich viel zusammenarbeiten muss, habe ich seit Oktober 2019 nicht mehr gesehen. Das heisst, ich sehe sie schon, immer wieder, sogar viel häufiger als vorher, aber immer auf einem Bildschirm. Ich sitze in meinem Zimmer und nehme an einem solchen «Call» nach dem anderen teil, manchmal in dieser Sprache, dann in der nächsten, manchmal sind es Personen aus der Schweiz, manchmal aus der ganzen Welt, manchmal ist es nur eine Person, manchmal eine Gruppe, mitunter sogar mehrere Hundert Menschen auf einmal. Was ich aber jedes Mal beobachte: Ich bin am Ende komplett ausgelaugt. Und zwar viel mehr, als wäre ich an eine Sitzung gereist und hätte die anderen Menschen live gesehen. Sogar dann, wenn diese Reise äusserst mühselig war. Nicht nur bin ich ausgelaugt, sondern eigenartig traurig und deprimiert, manchmal auch sehr aggressiv, nachdem ich auf «verlassen» gedrückt habe – dies, obwohl ich schon zuhause bin und mich gleich irgendeiner Freizeitaktivität widmen könnte. Was läuft hier ab? Irgendetwas gibt es hier zu entdecken.  

Ich bin der Sache nachgegangen und habe folgendes aufgespürt: Jedes technische System, welches wir für unsere Kommunikation einsetzen, parasitiert die Verbindung zu einem anderen Menschen. Verbindungparasiten habe ich schon in einem früheren Blog beschrieben (Schamanismus mit Jakob Oertli: Verbindungsparasitismus: Fallbeispiel Mountainbiker), als ich aufzeigte wie Mountainbiker die Verbindung von anderen Menschen zur Natur parasitieren und mit dieser Energie ihre Identität als Mountainbiker stützen. Ebenfalls habe ich in einem Blog vor zwei Jahren (Schamanismus mit Jakob Oertli: Wieso gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Die schamanischen Konsequenzen einer tiefgründigen Frage.) aufgezeigt, wie Verbindungen das eigentlich Reale sind und nicht die Dinge selbst, obwohl wir uns an diese Identitäten klammern. Bei Videokonferenzen geschieht nun etwas ganz Ähnliches und dies erklärt den Energieverlust. Hierzu möchte ich einen Schritt zurück gehen und das Bild von Wellen in einem Meer aufrufen:

Im Prinzip sind wir Menschen und alle anderen Dinge Teil einer grossen Masse von Verbindungen, welche nicht unmittelbar sichtbar sind, sondern zum Beispiel aus Chakra Verbindungen bestehen und die wir etwa durch die Ausstrahlung oder das Charisma einer anderen Person feststellen. Unser Selbst ist in diesem Bild eine Welle im Meer: Wir sind zwar als etwas Separates erkennbar, aber wir sind immer ein Teil des ganzen Meeres. Das Meer stellt in diesem Bild die Summe aller Verbindungen dar und wir sind während unseres Lebens lediglich ein Teil dieser Gesamtmenge von Verbindungen. «Nur» eine Welle zu sein reicht aber den meisten Menschen nicht – sie wollen eindeutig etwas Separates sein und sie bauen sich im Meer Grenzen auf – sie sind dann vergleichbar etwa mit einer Boje, welche im Meer schwimmt. Dieser Blickwinkel ist sehr häufig und die meisten Menschen würden alle materiellen Dinge des Alltages als separate Einheiten ansehen, so eben wie eine Boje, und nicht als Bündel von Verbundenheit, so wie eine Welle im Meer.

Eine Welle erhält die Energie für ihre Bewegung vom Wind. Analog erhält ein Mensch, der sich als verbundene Einheit empfindet, seine Lebensenergie oder seinen Lebensfunken durch die Verbindung, etwa durch die Liebe. So folgen sowohl Wellen wie auch der verbundene Mensch ihre Wege. Bei einer separaten Einheit ist aber eine zusätzliche Energie notwendig, um die Grenzen zu Anderem aufrecht zu erhalten. Es benötigte etwa Energie, um den Kunststoff der Boye zu produzieren und auch um sie mit einem Anker an Ort und Stelle zu halten. Analog muss auch ein Mensch, welcher eine separate Identität aufbauen will, sich Fremdenergie beschaffen – Liebe allein genügt nicht. Eine Möglichkeit, zu dieser Energie zu gelangen, ist das Parasitieren von Verbindungen. Eine Boje im Meer stört den natürlichen Wellengang. Dabei macht eine einzelne nicht viel aus – aber wenn es ganz viele werden, sieht es anders aus – da hat der Wind kaum mehr eine Chance. Analog stört ein identitätssuchender Mensch die Verbundenheit der Menschen untereinander, der Menschen mit der Natur und so weiter, indem er die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenkt – da hat Liebe kaum mehr eine Chance.

Und damit gelangen wir zu Videokonferenzen. Diese sind sehr anfällig auf Parasitismus, denn wir müssen uns vor allem auf materielle Eigenschaften des Gegenübers einstellen. Wir nehmen etwa wahr, wie er spricht oder wie er aussieht. Gleichzeitig sind aber Stimmung, Ausstrahlung oder Chakra Verbindungen wesentlich schwieriger festzustellen. Hierzu sind die Bilder zu klein, zu unscharf, wir bemerken die subtilen Körperhaltungen kaum, die Hintergründe lenken ab, die Kameras werden an und abgestellt, wir können die anderen nicht riechen oder anfassen, Smalltalk geht verloren und vieles, vieles mehr. Wir müssen uns zwar voll konzentrieren, aber wir nehmen hauptsächlich materielle Merkmale wahr und nicht die spirituellen Verbindungen. Wir nehmen also vor allem die Bojen wahr und nicht die Wellen. Damit wird die Verbundenheitsenergie abgesogen.

Aber wer profitiert? Im Fall von Videokonferenzen ist dies einerseits alles Materielle auf der Welt, das heisst die grundsätzliche Philosophie, dass es separate Dinge gibt und dass das Reale nicht Verbundenheit ist. Wir fördern also während dem Call mit unserer Energie die materielle Sichtweise. Dann profitieren alle Einheiten, welche sich als separate Identitäten sehen, alle Menschen also, die Wert auf ein separates Selbst legen. Sehen wir uns als Welle, dann unterstützen wir während der Videokonferenz also alle Bojen. Auf diese Art fördern wir sozusagen die Verschmutzung des Meeres mit Bojen – wohl so lange, bis man gar nicht mehr merkt, dass es eigentlich ein Meer hätte. Wir unterstützen mit unserer Energie das Materielle, bis wir gar nicht mehr feststellen, dass es im Prinzip um Verbindungen ginge.

Dieses Phänomen gibt es natürlich nicht nur bei Videokonferenzen, sondern auch bei normalen Telefongesprächen, bei SMS, bei WhatsApp Meldungen, bei E-Mail-Kommunikation, und sogar beim normalen Sprechen. Die Umstände der Kommunikation führen zu unterschiedlicher Ablenkung durch materielle Parasiten. Ein normales Gespräch, welches zum Beispiel in einem pompösen Sitzungszimmer stattfindet, kann genauso zu einem Energieverlust führen, wie eine Videokonferenz. Aber solche Sitzungszimmer haben wir doch viel weniger häufig als Videokonferenzen und immerhin steht man dort realen Menschen gegenüber, dessen Stimmung man gut wahrnehmen kann. Deshalb sind wohl Videokonferenzen eines der häufigsten gegenwärtigen Situationen, wo Verbindungen parasitiert werden.

Also: Videokonferenzen sind höchst problematisch und benötigen Unmengen von Energie. Wir werden hier richtiggehend parasitiert und ausgelaugt und fördern dabei eine materielle Sichtweise der Dinge. Die Frage lautet nun: Was machen? Wenn wir die Details verändern, so nützt dies wenig: Es gibt nur wenig Verbesserung, wenn wir etwa den Abstand zum Bildschirm verändern, mit dem Hintergrund spielen und dergleichen. Viel wichtiger scheint mir, dass wir uns bewusstwerden, dass dieser Mechanismus besteht und unsere Aufmerksamkeit auf die Verbindung richten, welche ausserhalb des Computers stattfindet. Hierzu lohnt es sich vor der Besprechung die anderen Menschen vorzustellen und gewissermassen in der spirituellen Welt eine Verbindung mit ihnen herzustellen. Wir versuchen also die anderen Menschen zu spüren, bevor wir sie am Computer vor uns haben. Dann bemühen wir uns während der Sitzung uns immer wieder daran zu erinnern, dass es um die Verbindung zu diesen Menschen geht und nicht um deren materiellen Eigenschaften (wie sie aussehen, wie sie sprechen usw.). In anderen Worten müssen wir uns auf die Verbindungen konzentrieren, welche sich ausserhalb des Videosystems abspielen. Zwischen allen Bojen konzentrieren wir uns also nicht auf diese, sondern auf so viel Meer wie wir noch irgendwo sehen. Auf diese Art kann die Verbindung doch noch etwas leben, wir werden als Folge weniger parasitiert und verlieren weniger Energie.






(Quelle, IT-Pro)


In eigener Sache: Der Kurs «Der Schamane zwischen den Welten» wurde auf den 20. November, 2021 verschoben: oberwilerkurse

 

 

Montag, 15. Februar 2021

Mormont

Es war ein sehr kalter Tag im Februar, mit Temperaturen, welche wegen der starken Bise noch kälter wirkten als das Thermometer anzeigte. Wir wanderten von La Sarraz aus entlang von Rebbergen, oberhalb von uns ein Südhang mit einigen Hartlaubeichen, welche mehr an das Mittelmeer erinnerten als an den Canton de Vaud, wären nicht die Eiszapfen an den Felsen gewesen. Einige Blumen erinnerten an die warmen Tage der vorhergehenden Woche. Nach einer handgemalten Tafel, «Attention aux Orchidées», kamen wir zu einer Schutzhütte. Hier müsse man warten, stand auf einer Tafel, sollte eine Sprengsirene losgehen. Dem Personal sei dabei unbedingt Folge zu leisten. Die Hütte bot etwas Schutz vor dem Wind, wir nutzten die Gelegenheit, um etwas warmen Tee zu trinken, um dann, nur einige Meter später, plötzlich am Abgrund einer riesigen Grube zu stehen. Alle paar Meter ein Verbotsschild. Wir gingen entlang der Grube, suchten nach Überresten der rund 250 Schächten, wo vor mehr als 2000 Jahren die keltischen Helvetier Tiere, Menschen und allerlei Gegenstände begruben. Wir sahen nichts. Diese Schächte waren ja auch nach dem sensationellen Fund vor 15 Jahren zerstört worden. Ein Fund, welcher die Einzigartigkeit dieser Stelle hervorgehoben hatte. Unter den Keltenfundorten in Europa gibt es offenbar nur noch zwei oder drei weitere Orte, welche derart wichtig sind, und in der Schweiz war bisher noch keine ähnliche Stelle gefunden worden. Aber eben, von dem sah man nichts mehr. Dafür sahen wir das Lager der ZADisten, Menschen, welche mit einer «Zone à Défendre (ZAD)» ein erstaunlich grosses Dorf aus Zelten und Baumhütten errichtet hatten. Ihr Anliegen ist es, den Rest des Berges vor dem weiteren Abbau durch die Firma Holcim zu retten. Ihnen geht es einerseits um die biologisch sehr wertvollen Gebiete mit vielen Orchideen und natürlich auch darum, dass die Zementproduktion sehr viel Kohlendioxid produziert und deshalb nicht ausgeweitet werden sollte. Trotz der eisigen Kälte herrschte im ZAD-Lager durchaus emsiges Treiben. Nach der schmalen Stelle zwischen Lager und Grube gingen wir weiter zum Sommet du Mormont, genau auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone gelegen, ein magischer, wilder Ort. Danach kam der Ancien Canal d’Entreroches, dem Überbleibsel eines Kanals, mit dem man im 17. Jahrhundert die zwei Flüsse Rhein und die Rhone zu verbinden versuchte, so dass Schiffe von der Nordsee bis zum Mittelmeer hätten verkehren können. Kurz danach folgten hässliche Industriebauten, Öllager und die Zementfabrik, bevor wir dann in Ecléplens wieder auf den Zug gingen. Am Bahnhof beobachten wir, wie Arbeiter das Tunnelportal (ja, auch ein Eisenbahntunnel geht unten durch…) vor Steinschlag zu schützen versuchten.

Was hier wie ein Wanderbericht klingt, zeigt auf bedeutende spirituelle Erkenntnisse. Ist man ehrlich mit sich selbst, so kann man hier erkennen, wo man steht und wie es weitergeht. Zuerst zu den Akteuren:

Die Holcim: Für die Zementproduktion baut diese Firma in einer grossen Grube Kalk aus dem Mormont ab. Wegen dem grossen Bedarf an Baumaterial, erweitert sie stetig das Abbaugebiet auf dem Hügel.

Die Helvetier: Die Helvetier hatten vor zwei Tausend Jahren auf dem Mormont ihre wohl wichtigste Kultstätte im Gebiet der Schweiz errichtet. Erkannt hat man dies während dem Kalkabbau an den vielen Schächten, welche mit Skeletten, Kultgegenständen und dergleichen gefüllt waren.

Die Archäologen: In einer Notgrabung haben die Archäologen die Gegenstände und Skelette aus dem Schächten entfernt, beschrieben und konserviert. Die Schächte wurden dann durch den weiteren Abbau zerstört.

Die Naturschützer: Der Mormont hat eine ausgesprochen vielfältige, an das Mittelmeer mutende Vegetation. Pronatura und andere versuchen den Rest des Hügels vor dem weiteren Abbau zu schützen.

Die ZADisten: Die ZADisten haben auf dem Hügel ihre erste Zone dieser Art in der Schweiz errichtet. Mit ihren Körpern wollen sie die Erweiterung der Grube verhindern, dies wegen der vielfältigen Natur und dem CO2 Ausstoss der Zementindustrie.

Der Mormont: Dieser Hügel ist der Schauplatz auf der Wasserscheide, aus Kalk bestehend, vielfältig bewachsen, von dem etwas unklar ist, ob er dies alles einfach hinnimmt oder ob er schreit.

Die Energie des Ortes: Diese beeinflusst zwar unbewusst alles Treiben auf dem Mormont, wird aber von den wenigsten der Beteiligten thematisiert, geschweige denn bewusst wahrgenommen

Der Schamane: Wandert durch das Gelände und beobachtet alles. Er fragt sich: Was geht hier vor?

Wieso kommt hier alles zusammen? Was kann man hier lernen? Hier meine Interpretation:

Alle Beteiligten erkennen auf ihre Art die besondere Qualität des Hügels. Im Kern wollen sie alle dank des Hügels ein erfülltes, befriedigendes Leben führen. Der Zugang und die Motivation sind aber ganz andere:

Die Holcim: Die Holcim erkennt die Qualität des Kalkes. Sie will gewissermassen weiterkommen, indem sie den Berg «aufrisst». Viele Menschen haben auch einen solchen Zugang zum Leben:  Sie sind von materiellen Themen (Häuser, Autos, Geld usw.) behaftet, was sich auch auf spirituelle Themen auswirkt. Wenn sie sich damit befassen, versuchen sie beispielsweise Rituale und Philosophien von anderen zu übernehmen. Wenn sie solche Dinge kopieren, diese also gewissermassen aufessen, dann haben sie den Eindruck, dass sie selbst auch weiterkommen. Hier passt der Ausdruck «Jemand hat die Weisheit mit dem Suppenlöffel gegessen.»

Die Helvetier: Was die Helvetier wollten, weiss niemand. Alles ist nur Spekulation. Aber hier meine: Die Helvetier haben erkannt, dass es sich auf dem Mormont um eine besondere Energie handelt. Nach meinem Eindruck haben sie die vielen Spannungsfelder im Leben erkannt und wollten beim Sterben diese aufheben. Mit den Schächten und den Opfergaben wollten sie diesen Prozess aber stark forcieren. Sie haben dabei übertrieben. Sie wollten etwas herbeizwingen, was sich vermutlich nicht erzwingen lässt. In anderen Worten hatten sie zwar etwas gespürt, waren dann aber zu ungeduldig. Dies ist heute bei vielen Menschen nicht anders, die mit allerlei Zwang (z.B. mit den strikten Regeln eines buddhistischen Klosters) die Erleuchtung schneller erreichen wollen.

Die Archäologen: Die Archäologen haben die Bedeutung des Ortes erkannt und ihn studiert. Aber weiter ist nichts geschehen. Sie sind wie die Menschen, welche über spirituelle Richtungen lesen, sich bestens auskennen, aber nichts in ihrem Leben umsetzen.

Die Naturschützer und ZADisten: Eine bunte Mischung aus verschiedenen Menschen will mit Idealismus den Berg schützen. Sie sehen, der Berg ist krank und bedroht, und sie wollen ihn pflegen. Dies entspricht den Menschen, welche mit spirituellen Methoden anderen helfen wollen, meist ohne diese vorher gefragt zu haben.

Der Mormont: Was der Hügel will, was sein Weg ist, hat niemand nachgefragt. Alle nehmen einfach an, dass sie es am besten wissen. Der Hügel selbst ist wehrlos – sogar das bisschen Steinschlag wird unterbunden. Dies entspricht etwa einem wehrlosen Menschen, etwa einem Kind oder einem Kranken, über den andere bestimmen, die es vermeintlich am besten wissen.  

Die Energie des Ortes: Nach meinem Eindruck – und solches ist immer eine persönliche Wahrnehmung, welche andere Menschen anders sehen können – besteht hier eine starke Verbindung zwischen Himmel und Erde. Ganz viele unterschiedliche Energien oder Stimmungen kommen von allen Seiten zusammen, um sich an einer Stelle gewissermassen aufzulösen damit man vom horizontalen Spannungsfeld in eine vertikale Verbundenheit geraten kann – gewissermassen in eine weitere Dimension. Als mathematischer Vergleich würde man die Spannung aller Zahlen auflösen, durch die Null schlüpfen und so in eine andere Dimension gelangen.

Der Schamane: Der Schamane beobachtet und sucht seinen Weg. Er fragt sich: Wo fresse ich Materielles oder Spirituelles wie die Holcim? Wo pflege ich wie die ZADisten? Wo lese ich mir Wissen an, so wie die Archäologen? Wo übertreibe ich wie die Helvetier? So ehrlich wie möglich, muss er diese Themen in sich selbst suchen und loslassen. Jeder beschriebene Zugang führt nicht zum Ziel. Jeder ist auf seine Art eine Falle. Es geht darum, jede dieser Tendenzen loszulassen. Dies heisst nicht, dass man nicht den Berg schützen kann, kein Kalk verwenden kann, aber jeder Umgang soll auf dem eigenen Weg sein. So findet man den Ort, wo sich die horizontalen, das heisst die Spannungsfelder des Alltages auflösen und man in die Verbundenheit zwischen Himmel und Erde gerät. Vermutlich wird dies aber erst beim natürlichen Tod möglich sein – aber während dem Leben geht es darum, dies ständig zu versuchen.

Nebenbei bemerkt, dieses Konzept der Auflösung von «horizontalen» Spannungsfelder, um dann die Verbundenheit zwischen Himmel und Erde in der «Vertikalen» zu spüren, besteht an vielen vorgeschichtlichen Standorten. Dies zum Beispiel in den grossen Dolmen von Spanien oder Irland, wo man zuerst durch einen engen Gang kriecht, bevor man in einer viel grösseren Kammer aufstehen kann.

Zum Schluss noch dies:

Ab 1. März sind Kurse voraussichtlich wieder möglich. Die beiden Kurse vom März sind:

Die Schamanische Reise ins eigene Leben, 6. März: Obihaus – Kurse

Schamane zwischen Welten, 20. März: oberwilerkurse

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Grube der Holcim auf dem Mormont, im Vordergrund der ehemalige Standort der Schächte der Helvetier, im Hintergrund das vorderste Baumhaus der ZADisten.