Montag, 22. April 2019

Was nun?

Eigene Wege fühlen sich nicht immer gleich an: Zu gewissen Zeiten arbeiten wir intensiv an etwas, unsere Themen und unsere Arbeit sind klar ersichtlich, und wir wissen genau, auf was wir unsere Aufmerksamkeit lenken sollen, beziehungsweise was wir konkret umsetzen wollen. Dann gelangen wir an einen Punkt, wo dies alles nicht mehr so klar ist. Wir haben ein Projekt beendet oder haben eine Lebensphase abgeschlossen und fragen uns: Was nun? Wo geht es als nächstes für mich durch? Auf was soll ich nun meine Aufmerksamkeit lenken?

Hier eine Antwort: Der nächste Schritt auf dem Weg wird durch eine Herausforderung beziehungsweise ein Hindernis bestimmt. Mit diesem Hindernis können wir gewissermassen den nötigen Schwung holen, um auf unserem Weg weiterzukommen. Dabei mag es vorübergehend so wirken, als würden wir einen Rückschritt erleiden, denn wir sind voller Gefühle, gar Verzweiflung – es kommt uns oft überhaupt nicht so vor, als würden wir weiterkommen. Wir sind beispielsweise voller Zweifel und Unsicherheit: Wie werde ich diese Herausforderung meistern? Was wird dabei herauskommen? Wie wird sich mein Leben verändern? Was werde ich zurücklassen müssen? Doch ist dieser gefühlte Rückschritt unausweichlich, denn Wege haben eine charakteristische Wellenbewegung, so wie in der unten aufgeführten Grafik dargestellt. Nach rechts bewegt sich die Zeit, nach oben, wie weit wir uns gefühlt auf unserem Weg befinden. Es ist ein ständiges Auf und Ab, jedoch kommen wir in der Summe stets weiter nach oben.







In dieser Wellenbewegung können wir vier unterschiedliche Qualitäten beobachten: 1) Intensive Beschäftigung mit einem Thema. Hier wissen wir genau, was wir zu tun haben. 2) Plateau: Nachdem wir ein Thema abgeschlossen haben, ist es uns meist unklar, was wir als nächstes tun wollen. Es ist also Zeit, unsere nächste Herausforderung zu suchen. 3) Wir nehmen die Herausforderung an. Zu Beginn ist es unklar, wie sich diese genau gestalten wird oder was es konkret zu tun gibt. Wir müssen uns mit sehr viel Neuem auseinandersetzen, was meist intensive Gefühle wie Angst oder Trauer auslöst, so dass wir uns gefühlt rückwärts bewegen. 4) Wir erreichen einen Tiefpunkt beziehungsweise einen Wendepunkt, bekommen aber hier unser Thema in den Griff, wonach wir wissen, was wir konkret umsetzen wollen. Danach gelangen wir wieder in die Phase 1), wo wir wissen, was wir zu tun haben. Und so geht dies weiter: Thema um Thema, Herausforderung um Herausforderung. Meist haben wir dabei nicht nur eine einzige Herausforderung, sondern mehrere parallel und diese können je wiederum in unterschiedlichen Phasen sein.

Bei der Frage also: «Was nun?», sind wir auf dem Plateau. Hier geht es darum, die nächste Herausforderung zu suchen und diese dann anzunehmen. Diese erkennt man in der Regel an körperlichem Schmerz, an Gefühlen wie Wut oder Sehnsucht oder an Verzweiflung. (Mehr hierzu in meinem Buch: Das schamanische Heilbuch). Dabei deuten alle Stärkegrade dieser Empfindungen auf Themen hin. Hat man die Herausforderung gefunden, dann geht man sie an. Auf diese Weise gelangen wir auf unseren Wegen weiter und kommen so automatisch an den nächsten Ort. Dies alles, wohlgemerkt, ohne, dass wir uns allerlei Fragen stellen, wie «Was könnte noch zu mir passen?» und dann mit nachdenken Listen erstellen. Unser eigener Weg finden wir durch Herausforderungen und nicht mit überlegen.

Die Sache hat aber seine Tücken. Hier einige davon:

Die Herausforderung ist zu gross: Es besteht das Risiko, dass uns eine Herausforderung überfordert. Wir geraten dann in einen «Sumpf», dem wir in der Regel allein nicht entweichen können. Dieser Sumpf ist für alle Menschen an einem anderen Ort. Wir müssen also selbst herausfinden, wie weit wir gehen können, bevor wir in diesen Sumpf geraten. Je grösser unser Abstand zum Sumpf, desto grösser die Herausforderungen, die wir annehmen können. Geraten wir jedoch in den Sumpf, so gelingt uns kaum mehr etwas, egal wie stark wir uns anstrengen. In diesem Fall benötigen wir externe Hilfe, z.B. von einem Therapeuten.







Wir nehmen die Herausforderung nicht wahr: In diesem Fall weichen wir nach und nach von unserem Weg ab, und früher oder später gelangen wir betreffend dieses Thema in den Sumpf. Das Nichtstun beziehungsweise das Vermeiden der Herausforderung – oft mit allerlei Ausreden begründet – birgt aber weitere Risiken: Früher gewonnene Schritte können dadurch wieder aufgehoben werden. Beispielsweise riskieren wir unser «weisses Herz», also unsere Fähigkeit, auf eine solche Art und Weise mit dem Herzen zu entscheiden, dass wir unseren Weg gehen. (Auch zum Thema «weisses Herz» mehr im schamanischen Heilbuch und im Schamanischen Buch der Liebe).







Wir lösen die Herausforderung mit Symptombekämpfung: Statt, dass wir uns der Herausforderung stellen, verdrängen wir die Zeichen (zur Erinnerung: Schmerz, Wut, Sehnsucht, Verzweiflung) mit allerlei Symptombekämpfungsmassnahmen wie etwa Aktivismus, Drogen, Medikamente, Sprechen, Festen, Wellness und dergleichen. Diese Dinge sind nicht per se falsch, sondern nur dann, wenn sie als Symptombekämpfung verwendet werden. Solche Massnahmen mildern zwar den Druck und vermitteln uns den Eindruck, wir würden uns auf unserem Weg weiterbegeben, sie kommen aber einer Selbsttäuschung gleich. Die Symptombekämpfung lässt sich mit einem Bankdarlehen vergleichen: Wir haben zwar nun mehr Geld, müssen es aber früher oder später mit Zins zurückzahlen. Nehmen wir dann anschliessend eine weitere Symptombekämpfungsmassnahme zu Hilfe, dann müssen wir diese wiederum sogar mit Zinseszins zurückzahlen. Dies geht solange auf diese Art und Weise weiter, bis die Symptombekämpfungsmassnahmen nicht mehr wirken und wir auch in diesem Szenarium in den Sumpf geraten. Die erwähnte externe Hilfe, wenn wir in einen Sumpf geraten sind, müssen wir übrigens auch zurückzahlen. Dies können wir, indem wir den Abstand, den wir zum Sumpf bekommen haben, in unseren Weg investieren, sprich eine Herausforderung annehmen. Tun wir dies nicht, dann gleiten wir früher oder später in den Sumpf zurück.







Kleine und grosse Herausforderungen: Grosse Herausforderungen bringen uns schneller auf unserem Weg weiter als kleine, dafür ist das Risiko, in den Sumpf zu geraten, ebenfalls grösser. Haben wir wenig Abstand zum Sumpf, dann lohnt es sich, zuerst einige kleinere Herausforderungen anzugehen, um auf diese Weise den Abstand zu erhöhen. Damit haben wir anschliessend wieder genügend Raum für grössere Herausforderungen.







Also: Die Antwort auf die Frage: «Was nun?» lautet: Die nächste Herausforderung angehen! Dabei müssen wir uns in der Zeit-Weg Landschaft positionieren, damit wir die richtigen Herausforderungen annehmen. Wir haben übrigens dann eine konkrete Herausforderung abgeschlossen, wenn sie uns nicht mehr betroffen macht.

Die Entscheidung, welche Herausforderung man wählt, kann auch mit dem Herzen gefällt werden. Die Voraussetzung ist allerdings ein «weisses Herz», also die Fähigkeit derart mit dem Herzen zu entscheiden, dass man den eigenen Weg findet. Solche Menschen haben in der Regel sowieso einen grösseren Abstand zum Sumpf, so dass das Risiko eines Fehlentscheides etwas kleiner ist. Hat man eine Zeitlang die Herausforderungen ignoriert oder zu viel Symptombekämpfung vorgenommen, so ist es durchaus möglich, dass die eigenen Herzentscheide nicht mehr korrekt sind. Diese Möglichkeit muss uns stets bewusst sein, weshalb ein sorgfältiges Überprüfen der eigenen Herzqualität von Nöten ist. (Mehr hierzu im Blog vom 15. Januar, 2018: Schamanismus als Ausrede). Weitere Unterstützung sowohl für die Entscheidung, welche Herausforderung zu bewältigen sind, wie auch für konkrete Möglichkeiten diese anzugehen, gibt uns auch der spirituelle Helfer auf schamanischen Reisen.

Dieser Ansatz kann übrigens auch auf Beziehungen angewendet werden. Mehr dazu in einem der nächsten Blogs.



Vorankündigung: Im Herbst 2019 finden zwei Kurse statt:







Sonntag, 13. Januar 2019

Schamanische Mathematik


Mathematik sei für Techniker nützlich, etwa um die Statik von Brücken zu berechnen, Fahrpläne zu konstruieren oder um die Lieferung von Nahrungsmitteln an einen Supermarkt zu optimieren. Mathematik sei sachlich, von dieser alltäglichen Welt und deshalb nicht geeignet, um spirituelle Themen oder um Schamanismus zu beschreiben. Schamanismus sei etwas Anderes, beinhalte eine besondere Verbindung zum Leben, zur Natur, sei von einer anderen Ebene, wo Bewusstsein, Bewusstseinsänderungen, Gefühle und Liebe vorherrschen, welche sich allesamt nicht mit Mathematik erfassen lassen. So argumentieren viele, welche keine Verbindung zwischen den beiden sehen wollen.
Ich sehe dies anders: Nicht nur sind Mathematik und Schamanismus miteinander verbunden, es könnte sogar so sein, dass Schamanismus ein Aspekt der Mathematik ist, ein Teilgebiet sozusagen. Dies wird von neueren Ideen (so z.B. von Max Tegmark) unterstützt, wonach die ganze Struktur des Universums Mathematik ist. Danach ist alles Mathematik (die Physik, die Chemie, die Biologie, der Mensch, unsere Sprache, unsere Gefühle usw.) und folglich wäre auch Schamanismus Mathematik. Es gibt also ein mathematischer Schamanismus oder besser eine schamanische Mathematik.
Ist dies so? Falls ja, würde dies heissen, dass man die Konzepte des Schamanismus auch in der Mathematik findet. Hier möchte ich zeigen, dass dem nicht nur so ist, sondern, dass man zu weitergehenden Erkenntnissen gelangt, wenn man dies anerkennt. Hier also eine Auswahl von Grundsätzen des Schamanismus, die auch in der Mathematik zu finden sind und die ergänzenden Erkenntnisse die wir mit diesem Ansatz erfahren:

Schamanen gehen einen eigenen Weg zur Liebe:
Mathematische Sichtweise:
Der eigene Weg ist ein Fluss, angezogen von der Liebe. Dies entspricht dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, wonach Prozesse mit der Zeit zu mehr Entropie beziehungsweise Zufälligkeit gelangen – so wird beispielsweise die freie potentielle Energie eines Flusses nach und nach in Wärme umgewandelt. Wir sind also desto mehr Liebe, desto grösser unsere Entropie ist. Dabei ist in thermodynamischen Prozessen zu Beginn nicht klar, welcher Zustand am Ende genau bestehen wird. Dies deshalb, weil es immer viele Zustände gibt, welche der Forderung nach einer Erhöhung der Entropie genügen.
Weitergehende Erkenntnisse für den Schamanen:
Oft stellen wir uns unter einem eigenen Weg etwas Einmaliges vor, einen einzigen konkreten Weg und nicht viele unterschiedliche. Beschreibt man aber eigene Wege im Sinne des zweiten Hauptsatzes, dann bestehen zahlreiche gleichwertige Zustände, die einer Erhöhung der Liebe entsprechen. Der Weg ist in diesem Sinne also nicht vorgegeben – nur die Richtung. Beschreiben wir Wege zur Liebe mit dem zweiten Hauptsatz, so heisst dies zudem, dass sich unser Unwissen über unseren Standort erhöht, desto mehr Liebe wir sind. Dies – so beobachte ich – ist in der Tat so: Wir beziehen etwa viel weniger Position zu den Themen des Alltages und werden damit mehr und mehr zum Beobachter.
 
Aber halt: Hier müssen wir etwas mehr in die Tiefe: Ist eine Zunahme der Liebe wirklich eine Zunahme der Entropie? In meinem Buch „Das schamanische Buch der Liebe“ habe ich Liebe als die Energie der Verbundenheit definiert. Auch habe ich gesagt, dass sich die Liebe in mehr Dimensionen ausbreitet, als etwa die Seele oder der Körper. Stimmen diese beiden Aspekte mit der Entropiebetrachtung überein? Zur Energie der Verbundenheit: Entropie ist ein Mass dafür, wie unbekannt der Standort einzelner Teilchen in einem System ist, also je weniger „rigid“ das System ist. In einem System mit hoher Entropie bewegen sich die Teilchen freier, weshalb einfacher Verbindungen möglich sind. Soweit erfüllt. Zur Bewegung in mehr Dimensionen: Ein Zustand mit hoher Entropie (z.B. ein Gas) kann sich durchaus in mehr Richtungen ausdehnen, als einer mit tiefer Entropie (z.B. ein Festkörper). Auch dies ist erfüllt. Und vielleicht noch folgendes dazu: Eine Zunahme der Entropie oder der Liebe schliesst nicht die Entstehung von komplexen Gebilden (etwa ein Mensch) aus, just deshalb, weil solche Gebilde sehr effizient sind beim Erhöhen der Entropie. In diesem Sinne kann die Mathematik voraussagen, dass es komplexe Gebilde wie Menschen, Tiere, Pflanzen, Planeten geben wird, welche die Liebe fördern, weil sie dies viel besser können, als weniger komplexe. Aber nun zurück zu weiteren schamanischen Grundsätzen…
 
Der Schamane entscheidet mit dem Herzen:
Mathematische Sichtweise:
Der Herzentscheid ist nichts anderes als eine Entscheidungsfunktion, so wie sie in der Statistik verwendet wird. Hierzu benötigen wir in der Regel ein Modell, ein Entscheidungsraum und eine Verlustfunktion. Das Modell beschreibt unser Alltag, in dem wir uns befinden. Der Entscheidungsraum sind die Optionen, die uns zur Verfügung stehen. Entscheiden wir im Sinne der Liebe, entscheiden wir also so, dass wir insgesamt die Entropie erhöhen. Die Verlustfunktion berücksichtigt schliesslich den Schaden, welcher entsteht, wenn wir eine Fehlentscheidung fällen.
Weitergehende Erkenntnis für den Schamanen:
Oft berücksichtigen Schamanen zu wenig, dass sie Fehler beim Herzentscheid machen können. Die Statistik ist hier ein Schritt weiter und anerkennt diese Möglichkeit mit der Verlustfunktion. Der Schamane ist deshalb aufgerufen, dies ebenfalls zu tun, und bei Entscheidungen die Konsequenzen eines Fehlers zu berücksichtigen. Der Fehler kann übrigens nicht nur beim Entscheid selbst entstehen, sondern auch im Entscheidungsraum (es werden nicht alle Möglichkeiten berücksichtigt) oder im Modell (wir nehmen unseren Alltag zu wenig gut war).
 
Schamanen können ihre Wahrnehmung ändern, um Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten:
Mathematische Sichtweise:
Unser Alltag ist eine Projektion aus einem mehrdimensionalen Raum. Wenn wir eine schamanische Reise unternehmen, dann ändern wir die Projektionsrichtung und sehen so die Dinge aus einer anderen Perspektive. Eine andere mögliche Analogie zur schamanischen Reise wären etwa komplexe Zahlen, bei denen der Zahlenstrahl gewissermassen mit einer weitergehenden Richtung ergänzt wird, womit sich Gleichungen lösen lassen, welche mit dem herkömmlichen Zahlenstrahl nicht möglich sind.
Weitergehende Erkenntnis für den Schamanen:
Jede schamanische Reise ist nichts Weiteres als eine mögliche zusätzliche Perspektive von vielen. Einige dieser Sichtweisen können zwar im normalen Alltag gewonnen werden, sie sind aber trotzdem nicht die absolute Wahrheit. Unter Umständen können weitere schamanische Reisen ganz andere Blickwinkel aufdecken. Am Ende ist es die Aufgabe des Schamamen, diese unterschiedlichen Perspektiven zu vereinen.
 
Die Gefühle zeigen dem Schamanen, wo er sich befindet und ob er in Bewegung ist:
Mathematische Sichtweise:
Bewegung und Standort können als Funktionen beschrieben werden. Bewegung zum Beispiel mit einer Zeitfunktion F(t) und der Standort mit F(x) in einem Koordinatensystem. Gefühle sind also Funktionen.
Weitergehende Erkenntnisse für den Schamanen:
Die riesige Vielfalt von Funktionen ermöglicht eine präzise Beschreibung und ein umfassendes Verständnis von Gefühlen, welche mit Worten nie möglich ist. Mit Funktionen ist es auch einfacher, eine Prognose zu erstellen, wie sich ein Gefühl entwickeln wird. Beispiel: Wir haben oft den Eindruck, dass sich Dinge linear verändern, das heisst, dass ein Gefühl wie Trauer nach einem Verlust pro Zeiteinheit gleich viel abnimmt. Vermutlich ist die Veränderung eines Gefühls aber eine exponentielle Funktion, etwa von der Form 1/x2, das heisst, das Gefühl nimmt zu Beginn schnell ab, dann immer langsamer, und wird nie Null.
 
Heilung wird erlangt, indem wir die Gefühle zulassen:
Mathematische Sichtweise:
Eine Wunde entsteht, indem in unserer Funktion ein fremder Faktor hinzugefügt wird. Wir können ihn heilen, indem wir ihn im Nachhinein wieder entfernen, oder indem wir das Gefühl zulassen, welches damals hätte entstehen sollen. Beispiel: Unsere normale Lebensfunktion sei F(t) = pt, wobei p ein persönlicher Faktor ist und t die Zeit. Die Wunde wt (die Wunde ist dabei auch eine Funktion) verändert p, zum Beispiel mit F(t) = (p-wt)t. Wir hätten damals sofort mit einer Korrekturfunktion reagieren sollen: F(t)=wtt, wir müssen also gewissermassen mit dem Gegenteil reagieren. Machen wir dies nicht, dann bleibt das w in der Funktion erhalten, auch zum Zeitpunkt t+1: F(t+1)=(p-wt+1)(t+1). Die Heilung bedingt dann, dass wir etwa die Funktion F(t+1)=wt+1(t+1) hinzuzählen. Wir müssen also das Gefühl von damals zulassen, so wie es sich heute ausgestaltet. Wenn die Funktion w(t) sich beispielsweise asymptotisch gegen Null bewegt, also die Form 1/x  aufweist, dann ist das Problem heute vielleicht kaum mehr eines, wenn sie hingegen wächst, z.B. mit der Form x2 , dann kann es sogar sein, dass die Heilung heute intensivere Gefühle erfordert als zum Zeitpunkt der Entstehung.
Weitergehende Erkenntnis für den Schamanen:
Die Heilung bedingt also nicht, dass wir das Gefühl von damals zulassen, sondern das Gefühl, so wie es sich heute manifestiert (wt+1). Zweite Erkenntnis: Die Korrektur ist unabhängig von p, dem persönlichen Faktor. Man muss also mit der Störung umgehen, nicht mit dem Weg. (Dies gilt nur für diesen einfachen Fall – je nach Funktion kann es durchaus auch eine Rückkoppelung mit dem Weg geben.)
 
Symptombekämpfung ist problematisch:
Mathematische Sichtweise:
Wenn wir statt mit Heilung, Symptombekämpfung praktizieren, dann verändern wir die Funktion, indem wir zum Beispiel ein Element zur Funktion addieren: F(t+1)=(p-wt+1)(t+1) + S, wobei S den momentanen Betrag von wt+1(t+1) annimmt. Dabei wird die ursprüngliche Funktion nicht verändert. Entsprechend muss das S immer neu angepasst werden. Es entsteht keine dauerhafte Heilung, auch wenn im Moment das Resultat gleich aussieht. Das S ist also ein Zusatz von aussen, welcher stetig angepasst werden muss, demnach Energie oder Aufwand erfordert.
Weitergehende Erkenntnis für den Schamanen:
Symptombekämpfungsmassnahmen müssen ständig angepasst werden und benötigen Energie von aussen. Sinnvoller und energiesparender wäre es, zu heilen statt die Symptome zu bekämpfen.

Das Ganze könnte man natürlich auch umgekehrt angehen und schauen, welche mathematischen Konzepte im Schamanismus Anwendung finden. Hier zwei Beispiele:

 
Chaos Theorie:
Mathematische Beschreibung: Die Chaostheorie beschreibt nichtlineare dynamische Systeme. Typisch für solche Systeme ist, dass sie nur über einen bestimmten Zeitraum näherungsweise vorhersagbar sind und selbst geringste Abweichungen der Anfangsbedingungen verändern das gesamte Verhalten nach einer bestimmten Zeit.
Anwendung im Schamanismus: Schon oben habe ich beschrieben, dass zum Beispiel Gefühle nichtlinear und dynamisch sind (keine gleichmässige Veränderung). Weil sie nicht mit einer einfachen Funktion beschreibbar sind, können sie nur über einen kleinen Zeitraum vorgesagt werden und hängen stark von den Anfangsbedingungen ab. Es macht zum Beispiel einen grossen Unterschied, ob die Abnahme der Trauer nach 1/x2 verläuft, oder ob noch eine alte Wunde vorhanden ist und die Abnahme beispielsweise so aussieht: 1/(x2 - w2).
 
Fraktale:
Mathematische Beschreibung: Fraktale sind geometrische Objekte, welche eine Skaleninvarianz aufweisen, d.h. dass bei jeder Vergrösserungsstufe die gleichen Einzelheiten erkennbar sind. Damit können unregelmässige Objekte in der Natur modelliert und beschrieben werden. Fraktale entstehen beispielsweise durch Iteration von Eigengleichheit. Wenn man Fraktale plottet, dann ist das entstehende Bild oft chaotisch, bis dann erst nach vielen Iterationen ein klareres Bild entsteht.
Anwendung im Schamanismus: Wir leben unser Leben meist auch iterativ, will heissen, weil wir nach unseren Glaubenssätzen handeln, erleben wir stetig Dinge, welche just diese bestätigen. Wollen wir ausbrechen, dann müssen wir die Gleichung ändern. Fraktale Gleichungen beschreiben also Liebesbarrieren, die wir auflösen müssen. Und wieso ist es so schwierig, Glaubenssätze aufzulösen? Sie sind so schön!

 


Beispiel eines Fraktals als Symbol für Liebesbarrieren: Wegen ihrer Schönheit sind sie schwierig aufzulösen.
upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/37/Mandel_zoom_14_satellite_julia_island.jpg


Schamanische Mathematik und mathematische Schamanismus? Ja, das gibt es! Und nicht nur das: Aus meiner Sicht sind mit diesem Ansatz sogar sehr tiefgreifende Erkenntnisse möglich und dies vermutlich nicht nur im Schamanismus sondern auch in der Mathematik, denn vielleicht lassen sich auch ungelöste mathematische Fragestellungen mit herkömmlichen schamanischen Ansätzen erschliessen. Es ist an der Zeit, diese Gebiete nicht mehr separat und als Gegensätze anzuschauen, sondern zu anerkennen, dass sie im Kern das Gleiche sind und die Sichtweisen sich deshalb ergänzen können.

 

 

 

I