Montag, 21. Dezember 2020

Blinder Gehorsam

Es hiess, die Geschäfte bleiben offen, dann vielleicht doch nicht, eventuell nur in einer Light-Version, nur gewisse, aber nicht andere, dann sollten sie am Dienstag schliessen, aber nein, doch nicht, sondern schon am Montag, aber nicht überall, aber doch hier, einige Kilometer nördlich war es bereits letzten Mittwoch, aber vielleicht nicht so lange, wie angekündigt, aber vielleicht sogar länger. Das Fitness Center geht zuerst am Sonntag, dann am Dienstag und dann bereits am Montag zu, dann ist es am Samstag länger offen, aber das kann ändern, jederzeit, immer ist alles anders, ohne sichtlichen logischen Grund, denn die alten Massnahmen konnten noch nicht wirken, bevor sie wieder anders sind.  Man darf nicht warten, denn für Überlegungen hat es keine Zeit. Die Zeit drängt. Man macht und ist deswegen komplett erschöpft. Die Menschen überlegen nur noch, wie sie am besten durch die Situation kommen. Sie müssen auch, denn die Strafen sind überproportional gross. Die Bevölkerung ist ein Teil der Corona Bekämpfung geworden, alle machen mit und wenn jemand Lockdown befielt, dann gehorchen alle. Wenig Wiederrede, manchmal etwas Fluchen, aber kaum der Rede wert. Denn alle sind so müde, so unendlich müde. Und alle sagen sich, irgendwann ist es vorbei. Und mit den Massnahmen – ob sinnvoll oder nicht – gehen die Fallzahlen zurück, denn irgendeine im grossen Wirrwarr hat vermutlich doch gewirkt, bis die Zahlen dann doch wieder steigen und alles von vorne beginnt. Schiesst einer wild um sich, dann trifft er schon irgendetwas.

Von wo kenne ich das? In meiner Rekrutenschule RS (lange her!), einer sogenannten Elitetruppe von Radfahrern, war es auch so. Plötzlich schrie der Korporal: «Liegen» und alle musste liegen. Er schrie «Vorwärts Marsch» und alle mussten vorwärts marschieren. Diese Befehle kamen aus dem Nichts, sie waren fast immer unpassend. Aber es war Gehorsam verlangt. Man musste handeln, ohne zu überlegen. Denn Überlegen braucht zu viel Zeit. Und dazu waren wir immer müde – ständig so müde - so dass man rein deshalb nicht denken konnte. Auch waren die Strafen überproportional gross, wenn man nicht gehorchte. Zu Beginn der RS hatte ich noch etwas Protest in mir, suchte mit Kollegen Methoden, wie wir bei Sinnen und wie wir uns selbst bleiben konnten. Aber nach ein paar Wochen ging es nicht mehr. Wir waren ein Teil der Truppe geworden, wir machten genau das, was verlangt war, keine Widerrede, nur manchmal etwas Fluchen, aber sonst nichts, wir stellten die Dinge nicht mehr in Frage und wenn jemand «Liegen» schrie, dann lagen wir eben. Und immer waren wir müde. Und immer sagten wir uns, irgendwann ist es vorbei. Die Tage vergingen, irgendwie wurde es Abend, wir bekamen ein paar Stunden Schlaf bevor dann alles von vorne begann.

Schon damals beobachtete ich, dass dies Methode hatte. In einer Kampftruppe ist jeder nur ein Werkzeug, dass eingesetzt werden kann. Und dieses Werkzeug muss funktionieren, es muss genau das machen, was der Operateur des Werkzeuges will. Hierzu braucht es blinden Gehorsam. Dies erreicht man mit unsinnigen und unpassenden Befehlen sowie mit Zermürbung und Müdigkeit. Bei Corona und beim Militär ist es genau gleich. Es wird mit den gleichen Techniken eine Masse von gehorsamen Menschen gebildet, die alles mitmachen, vielleicht fluchen sie etwas, aber sie machen mit.

Da ist keine vorgängige Absicht dahinter. Dies ist so entstanden, weil es zu Erfolg führte. Diejenigen Militärkommandanten, welche im Verlauf der Geschichte so vorgegangen sind, hatten mehr Erfolg und deswegen sind nun alle Militärs so. Und diejenigen Corona Bekämpfer, die so vorgehen, haben gegenüber anderen mehr Erfolg, und deshalb sind diese übrig geblieben: Natürlich Selektion, so wie wir es von Darwin kennen.

Erweitern wir die Beobachtungen: Wer ist auch so? Ameisen und andere sozialen Insekten. Insekten sind wohl die erfolgreichsten aller Tiere, wenn die Anzahl Spezies als Kriterium nimmt und sie haben zudem eine wesentlich grössere Biomasse als wir Menschen. Und unter den Insekten sind die Ameisen besonders erfolgreich und wiegen in der Summe etwa gleich viel wie wir Menschen. Und die Ameisen gehen auch so vor: Von einem einzelnen Individuum wird absoluter Gehorsam verlangt, es kann nicht entscheiden, ob eine bestimmte Handlung sinnvoll ist oder nicht. Auch sind Ameisen ständig aktiv (ob sie dabei müde werden, kann ich jedoch nicht sagen) und wenn man sie lange genug beobachtet, sieht man eine ganze Reihe (mindestens aus meiner Sicht) unnützer und sinnloser Aktivitäten. Hauptsache, es wird immer etwas getan. Aber offenbar führt genau dies zu Erfolg – zumindest, wenn man die Biomasse betrachtet.

Also: Das Militär, die Corona Bekämpfung und Ameisen gehen alle gleich vor. Und dies hat Erfolg – in allen Fällen resultiert mehr Biomasse: Mehr Soldaten überleben, weniger Corona Tote (oder mehr Profit für das Gesundheitswesen – auch eine Art Biomasse), mehr Ameisen. Dies sind aber nicht die einzigen Fälle: In einer Fabrik, muss der einzelne Arbeiter auch genau das machen, was ihm gesagt wird. Nicht anders ist es in einer Sportmannschaft oder etwa in einer politischen Partei (zum Beispiel getraute sich kaum ein Republikaner den Wahlverlust von Trump anzuerkennen). Oder etwa auch bei landwirtschaftlichen Nutztieren (auch sie müssen genau das machen, was vorgeschrieben ist) – so hat es nun gewichtsmässig 100 Mal mehr Kühe als Menschen. Kirchen, die den Gläubigen genau sagen, was sie zu denken haben, sind erfolgreicher, auch wenn die Handlungen von aussen gesehen, oft sinnlos wirken. Die Beispiele könnte man noch seitenlang erweitern.

Der Schamane steht hier aber quer in der Landschaft. Eigene Wege und blinder Gehorsam passen nicht zusammen. Sein Verhalten führt in der Regel nicht zu mehr Biomasse (oder Geld, Liegenschaften und dergleichen), denn er ist nicht Teil einer Gruppe, wo von einem einzelnen Mitglied blinder Gehorsam verlangt wird. Er ist allein.

Die wichtige Frage nun: Wie kann man in einer Umgebung allein sein, einen eigenen Weg gehen, wenn rund herum auf Schritt und Tritt blinden Gehorsam verlangt wird? So sehr ich möchte, kann ich nicht mehr ins Fitness Center, nicht mehr nach Belieben andere Menschen treffen, nicht mehr dorthin reisen, wo ich hingehen möchte. Das Thema ist also: Was macht man, wenn man Teil einer Ameisenkolonie ist? Wie geht man mit dem Zwang um?

Man kann diese Zwangsmassnahmen beziehungsweise die anderen Menschen oder Ameisen als eine Landschaft ansehen, in der wir uns bewegen. Ist ein Laden geschlossen oder darf das Fitness-Center nicht offen haben, so entspricht dies etwa einem Felsen, auf den ein Fluss trifft. Er ist unverrückbar dort. Es nützt wenig, wenn der Fluss sich fragt, ob der Felsen einen Sinn hat oder nicht. Er ist einfach da. Dabei muss der Fluss den Felsen spüren und wahrnehmen, damit er einen Weg um den Felsen herum findet.  

Der Schamane geht auch so vor: Er akzeptiert, dass nun die Dinge so sind, wie sie sind und er sucht einen Weg, die Hindernisse zu umgehen. Zuerst muss man diese jedoch voll und ganz wahrnehmen. Hierzu dienen unsere Gefühle, das heisst, wir müssen unseren Ärger und unsere Wut spüren, welches das Hindernis bei uns auslöst. Auch müssen wir unsere Sehnsucht zulassen, dass wir lieber kein Hindernis hätten. Ohne diese Gefühle ignorieren wir den Felsen und finden somit keinen Weg ihn zu umgehen. Die Gefühle geben uns zudem die Energie für den neuen Weg. Zusätzliche Energie erhalten wir durch die Angst, nicht zu wissen, wie dieser Weg um den Felsen konkret aussehen wird. Und schliesslich müssen wir die Trauer zulassen, dass wir den Weg vor dem Felsen verlassen müssen.

Hier ein einfaches Beispiel: Ich akzeptiere, dass das Fitness Center geschlossen ist. Ich bin aber gleichzeitig wütend darüber. Ich muss zudem Sehnsucht spüren, meinen Körper zu bewegen. Diese Gefühle geben mir die notwendige Energie, nach Alternativen zu suchen, etwa mehr zu joggen, zu walken, mit Hanteln zu trainieren usw. Ich muss ferner die Angst zulassen, ob dies funktioniert, ob ich genügend motiviert bin, dies tatsächlich zu machen und ob ich im Vergleich zu meinem üblichen Programm genügend trainiere. Es braucht aber auch die Trauer, dass ich nicht mehr in Fitness kann und die Menschen dort nicht mehr sehe. Kurz: Ich akzeptiere, was Sache ist, lasse aber alle meine Gefühle zu und gehe so auf meinen neuen Weg. Dies mag zwar ein banales Beispiel sein, aber wenn ich in der Fülle von anderen Restriktionen auch so vorgehe, dann bleibe ich ein eigenständiger Mensch auf einem eigenen Weg. Auch dann, wenn ich mich mitten in einem Ameisenstamm befinde.

Fazit: Als Schamanen beobachten wir die Zwangsmassnahmen wie auch den blinden Gehorsam, welcher dabei verlangt wird und anerkennen dies als Teil einer Landschaft, in der wir uns bewegen. Geraten wir an eine Massnahme, welche uns als Hindernis auf unserem Weg vorkommt, dann akzeptieren wir dieses, lassen aber die Gefühle zu, welche dadurch ausgelöst werden. Dies gibt uns die Energie, einen Weg um das Hindernis herum zu finden und umzusetzen. Und – notabene – ich habe nie gesagt, wie dieser  neue Weg konkret aussieht. Dieser wird für jeden Menschen ein anderer sein und ein Akzeptieren des Hindernisses heisst nicht, dass Protest keine Option ist.

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In eigener Sache:

Schamanismus Kurse 2021

Im nächsten Jahre werde ich neue Themen in den Kursen anbieten. Einerseits werde ich das Thema des letzten Blogs (Zwischen den Kulturen) aufnehmen und andererseits werde ich einen Jahreskurs durchführen:

Der Schamane zwischen den Welten

Immer mehr Menschen leben zwischen Kulturen: Sie sind gleichzeitig überall und nirgends zuhause. Dies bringt besondere Herausforderungen aber auch Chancen mit sich. Dieser Kurs richtet sich speziell an Personen, welche in verschiedenen Ländern aufgewachsen, als erwachsene Person migriert oder sonst in unterschiedlichen Kulturen verankert sind. Mit den Techniken des Schamanen, selbst ein Wanderer zwischen Welten, werden wir im Kurs u.a. folgende Themen konkret angehen: etwa die ständigen Verluste, die unklare Identität oder das Unverständnis der Mitmenschen. Wir werden dabei erfahren, wie wir nicht im Aussen, sondern in uns selbst eine Heimat finden.

Samstag, 9:30–17 Uhr, 20. März 2021

Anmeldung: oberwilerkurse

Untenstehende Tafel habe ich genau auf der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland in der Nähe von Jestetten gefunden. Wir werden im Kurs herausfinden, was genau auf diesem Schild steht.

 



Die schamanische Reise ins eigene Leben

Ein Schamane sucht und geht seinen eigenen Weg. Er beobachtet, wie er in seinem Alltag Hindernissen aller Art begegnet und wie diese bei ihm Gefühle, Krisen, Schmerzen und dergleichen auslösen. Es sind dies die vielen Spannungsfelder und Ungleichgewichte, in denen alle Menschen stecken. Diese Spannungsfelder ermöglichen den Weg zu einem harmonischen Zustand, zu Liebe und zu Freiheit. Dieser Weg wird gefunden, indem alle Entscheidungen mit dem Herzen gefällt werden.

An diesem Kurs hat jeder Teilnehmer die Gelegenheit, ein persönliches Thema im Sinne des Schamanismus vertieft anzugehen, dabei die Mitteilungen und den Heilungsbedarf zu erkennen, sowie die nächsten Schritte zu bestimmen. Dazu werden diejenigen schamanischen Techniken verwendet und praktisch geübt, welche den konkreten Themen der Teilnehmenden angepasst sind. Weil es kein Zufall ist, wer am Seminar teilnimmt, werden auch Themen und Lösungsansätze der anderen Gruppenmitglieder für den eigenen Weg von Bedeutung sein. Das persönliche Thema wird so auf vielen Ebenen gleichzeitig angegangen. Konkret bestimmt jeder Teilnehmende für sich im Voraus ein Thema, welches er / sie angehen will und auch in der Gruppe diskutieren kann.

Der Kurs wird aufbauend an drei Terminen durchgeführt. An jedem Kurstag werden unterschiedliche schamanische Techniken vorgestellt. Am zweiten und dritten Termin werden zudem die Entwicklungen seit dem vorhergehenden Kurs diskutiert und in den Kurs integriert. Weil die Basistechnik und Philosophie des Schamanismus jeweils kurz in Erinnerung gerufen werden, sind Einsteiger jederzeit willkommen.

Sa. 6. März, Sa. 5. Juni, Sa. 6. November, jeweils um 13 – 17:30 Uhr

Anmeldung unter: Obihaus, Toblerstr.95, 8044 Zürich, Tel. 044 261 85 42, obihaus@yahoo.com

 

 

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