Dienstag, 5. Mai 2026

Tanken

Geschichten, die wir im Aussen erleben, bergen oft viel tiefere Erkenntnisse, als man auf den ersten Blick vermuten würde, so auch das ganz normale Tanken. Mir ist es beim Reisen am wohlsten, wenn ich mit einem ziemlich vollen Tank unterwegs bin. Dieses Mal waren die Umstände jedoch etwas anspruchsvoller: Wir fuhren mit einem Mietauto durch ein abgelegenes Gebiet in Spanien. Dort kann man problemlos Hunderte Kilometer fahren, ohne eine Tankstelle zu sehen. Zudem sind viele Tankstellen bedient, haben also Öffnungszeiten, man kann also nicht jederzeit tanken. Und dann war da noch der Krieg im Iran: Die Strasse von Hormuz war gesperrt, weshalb ich mir Sorgen machte, dass selbst bei vorhandenen Tankstellen gerade kein Benzin verfügbar sein könnte. Mein Umgang damit: Ich wollte lieber öfter tanken, schon kurz unter dem F, und hatte auch nichts dagegen, wenn der Tankwart den Tank übervoll machte. Das erste Mal klappte das: Der Zeiger stand wieder über F. Doch schon beim zweiten Mal bewegte er sich nicht mehr – als hätte ich gar nicht getankt. Auch die Anzeige der verbleibenden Kilometer änderte sich nicht. Beim dritten Tankstopp dasselbe: Der Zeiger sank weiter, als wäre nichts geschehen. Also schrieben wir die gefahrenen Kilometer mit, um trotzdem abschätzen zu können, wie viel Benzin noch im Tank war. Nur musste ich am Ende das Auto mit vollem Tank zurückgeben und das im Zweifel auch belegen können.

Ich beschloss, mit KI zu recherchieren. Die Antwort: Bei diesem Modell könne genau dieses Phänomen auftreten, wenn man übervoll tanke. Die Lösung: den Tank ziemlich leer fahren und erst dann wieder tanken und zwar nur bis zum ersten Klick, keinesfalls darüber hinaus. In 90 % der Fälle sei dann wieder alles in Ordnung. Nur: Stimmt das? Und zweitens: Den Tank in dieser Gegend und unter diesen Umständen fast leer zu fahren, machte mich reichlich nervös. Trotzdem wollte ich es versuchen. Also fuhren wir an mehreren Tankstellen vorbei, ohne zu tanken. Dann kam der Moment, in dem ich beschloss, am nächsten Tag bei einer bestimmten Tankstelle zu tanken, die wir beim Einkaufen gesehen hatten. Am nächsten Tag kamen wir dort an und sie war zu. Genau mein Horrorszenario.

Zum Glück gab es auf der anderen Seite des Städtchens noch eine weitere Tankstelle, sogar mit Selbstbedienung. So konnte ich das Überfüllen vermeiden, ohne etwas erklären zu müssen. Und tatsächlich: Der Zeiger sprang wieder auf voll…

Was lernte ich daraus? Man braucht den Mut, erst loszulassen, bevor man Neues hinzufügt. Tut man das nicht, gerät die Messung durcheinander. Es sieht zwar so aus, als würde ich loslassen – der Zeiger sank ja weiter –, aber in Wahrheit halte ich fest: Ich fülle immer wieder nach, ja überfülle sogar, aus Angst, am Ende nicht genug zu haben. Und irgendwann weiss ich nicht mehr, woran ich bin. Es ist wie beim Hungergefühl: Wenn ich ständig esse, verliert mein Körper das klare Signal. Wenn ich im Vertrauen loslasse, wird meine Wahrnehmung wieder verlässlich, und ich merke rechtzeitig, wann es wieder Energie braucht.

Die Erkenntnis: Wer ständig nachfüllt, verliert das Gefühl für genug.



Einsame Landschaft ohne Tankstellen